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Tastbeschreibung des Bronzemodells der Museumsinsel


Dieses Tastmodell gibt die Möglichkeit, die Museumsinsel mit ihren historischen und modernen Gebäuden in der Gesamtheit zu erfassen: Die Brücken über die Spree, die die Insel oben und unten begrenzt, der weitläufige Lustgarten, die Baumgruppen, Straßen und S-Bahnführungen, bis hin zu einzeln tastbaren Skulpturen und Geländemerkmalen. Zur Unterstützung ist jedes Museumsgebäude einzeln beschriftet und sowohl mit Braille- als auch mit erhabener Schwarzschrift versehen.


Um die kleine taktile Führung über die Museumsinsel zu beginnen, stellen wir uns an die untere Längsseite des Modells, dorthin wo die Inschrift – in Braille und erhabener Schwarzschrift - gut zu ertasten ist. Die linke Hand greift ganz nach links bis an das Ende des Modells und tastet nach dem Flussbett der Spree, deren Lauf an ihrer wellenförmigen Struktur leicht zu erkennen ist.


Folgt die Hand dem Fluss nach rechts, fühlt man an der Stelle, wo die Spree sich teilt, die äußerste linke Spitze der Museumsinsel. Oberhalb und unterhalb der Inselspitze fühlt man die beiden Brücken, die den Fluss an diesen Stellen überspannen. Monbijou – also mein Edelstein – heißt die untere Brücke. Die obere hat keinen Namen. Gleich rechts von der Inselspitze steht ähnlich wie ein Leuchtturm an einer Felsenklippe, die halbrunde, mandarinengroße Kuppel des Bode-Museum. Im tastenden Spiel der Finger erkennt der Besucher die Absicht des Hofbaumeisters, den dreieckigen, asymmetrischen Grund der Inselspitze raumfüllend zu nutzen. Es entstand ein perfekt harmonisches Gebäude in dreieckiger Form. Auf der unteren, dem Beobachter zugewandten Seite des Dreiecks befindet sich auf dem Dach die Beschreibung des Bode-Museums. Von der Kuppel nach rechts verläuft ein langer Gebäudeflügel wie die Mittelgräte eines Fisches. Er endet am Fuß einer zweiten, kleineren Kuppel. Nach oben und nach unten gehen schräg wie Rippengräten jeweils zwei Gebäude zu dem umlaufenden Dreiecksgebäude ab. Dadurch ergeben sich fünf Innenhöfe, deren Fassadenverkleidung mit den Fingerspitzen gut zu ertasten ist. Außen um das Gebäude herum laufen, wie kleine flache Stege, die angedeuteten Kolonnaden. Säulenreihen, wie sie typisch sind für fast alle Museen der Insel.


Die Hand tastet nach rechts, und spürt die S-Bahnstrecke, mit zwei vertieften Linien, welche die Gleise andeuten. Die Bahnstrecke überquert die beiden Spreearme sowie die Museumsinsel von oben nach unten. An der unteren S-Bahnbrücke über die Spree angekommen, tastet man rechts die linke Flanke des Pergamonmuseums. Lässt man beide Hände auf dem Modell ruhen, erkennen die tastenden Finger leicht die auf dem Kopf stehende U-Form der neuklassizistischen Anlage. Die Fassade ist wie beim Bode-Museum von nur andeutungsweise ausgearbeiteten Säulenreihen umgeben. Sie sind zur Hälfte in die Wand eingelassen und dienen dem Schmuck der Außenwände. Diese Mauergestaltung setzt sich im Lichthof des Gebäudes fort. Der flache Eingangsbereich ist genauso gut tastbar wie die kleine Fußgängerbrücke über die Spree, die den einzigen Zugang zum Museum darstellt. Die Beschriftung befindet sich hier auf dem Dach des rechten Gebäudeflügels.


Bewegt sich die Hand nun von der Beschriftung weg nach oben über das Gebäude hinaus, spürt sie bereits das nächste Museum: Die Alte Nationalgalerie ist ein einzelnstehendes Bauwerk ohne Seitenflügel und Höfe. Die Absicht des Baumeisters war es, ein Objekt zu erschaffen, dessen Form einem römischen Tempel nachempfunden sein sollte. Wie ein Bergtempel erhebt sich das spätklassizistische Gebäude über einer breiten hohen Basis, wieder mit den schon bekannten Säulenreihen, die wie die Saiten einer Harfe nebeneinander stehen. Und so hört man auch, wenn die Fingerkuppen schnell und kräftig darüber streichen, einen klingenden Ton. Als Zugang ist auf der rechten Seite eine breite, hohe zweigeteilte Treppe zu fühlen. Die umlaufenden Säulengänge spürt die Fingerkuppe ebenso wie die angedeuteten Fresken im dreieckigen Dachbereich der Eingangsseite. Folgt die Hand dem Dachverlauf spürt sie hier die angebrachte Erklärung des Museums in Braille und Schwarzschrift. Am linken Ende des Gebäudes befindet sich gut erkennbar die Apsis, der halbrunde Altarbereich, der mit einer flachen Kuppel überdacht ist. Auch für die Hände sichtbar sind die Bäume, Sträucher und Büsche auf dem Vorplatz, die auch tatsächlich so im Gelände der Museumsinsel zu finden sind. Sie fühlen sich an wie kleine Blumenkohlröschen. Umrahmt wird das gesamte Areal, das auch „Klein-Arkadien“ genannt wird, durch eine gut fühlbare Säulenreihe, die oben dem Spreeufer folgt und unten an das nächste Gebäude grenzt.


Dieses nächste Objekt trägt den Namen Neues Museum. In dem rechteckig angelegten Bau sind auf dem flachen Dach rechts und links, wie zwei große Linsen, flache Glaskuppeldächer zu finden. Etwas erhöht und gut zu spüren ist der Mittelrisalit, der das Gebäude scheinbar in zwei Hälften teilt. Dort ist auch die Inschrift angebracht. Die umlaufende Fassade besteht überwiegend aus gut tastbaren Fensterzeilen.


Etwa 2-3 cm weiter unten, erlaubt uns der Künstler sogar einen Blick auf ein Objekt das zum Zeitpunkt des Modellbaus noch nicht erbaut sondern erst geplant war. Der flache, schachtelförmige Bau der James-Simon-Galerie mit vorgelagerten modernistischen Säulenreihen verbindet alle fünf Museen mit einem unterirdischen Gang, der einen Überblick über drei Jahrtausende Kulturgeschichte ermöglicht.


Direkt unterhalb der James-Simon-Galerie, tasten die Fingerspitzen den südlichen Lauf der Spree, folgen ihm nach rechts bis zu der sogenannten Eisernen Brücke, überqueren diese nach oben, und befinden sich in der Bodestraße. Gleich rechts hinter der Brücke ertasten wir eine kleine Treppe und zwei Bäume. Zwischen den Bäumen und der Brücke ist unser Standort. Hier steht das Modell der Museumsinsel das wir gerade beschreiben.


Oberhalb der Baumgruppe erfühlt man eine der Schmalseiten des Alten Museums. Das neoklassizistische Schinkelgebäude besticht durch seine erhabene Einfachheit. „Studio antiquitatis omnegenae et artium liberalium“ ist im großen Original über dem Eingang zu lesen: „Dem Studium der freien Künste und Altertümer der ganzen Welt“. An diesem Museum wird die herausragende Rolle der Kultur in Preußen spürbar.


Der Eingangsbereich an der rechten Längsseite wird von einer langen Reihe korinthischer Säulen geschmückt die als Kolonnade gut zu ertasten sind. Die Säulenreihen haben Ähnlichkeit mit den Zähne eines Kammes. Obenauf zu erfühlen ist die Dachkonstruktion mit - für die damalige Zeit - futuristischen Dachfenstern, die als erhabene keilförmige Strukturen den glatten Verlauf des Daches unterbrechen. An der uns zugewandten Seite des Dachs steht wieder die bekannte Erläuterung in Braille und erhabener Schwarzschrift. An diesem filigran ausgearbeiteten Modell sind auch die beiden Innenhöfe mit ihren Fensterreihen rechts und links der erhöht gebauten, quadratischen Cella, gut zu erfühlen.


Die forschenden Fingerspitzen verlassen das Alte Museum nach rechts über die breite Eingangstreppe und ertasten ein Biedermeierweltwunder - das Granitbecken. Im Modell ist es auf eine fingerkuppengroße Mulde reduziert. Der Durchmesser von 6,91 Meter des originalen Beckens hingegen ergibt bei der kreisrunden Form einen Umfang von sage und schreibe 21,7 Meter. Da das Becken in für damalige Verhältnisse herausragender Handwerkstechnik aus einem einzigen Granitblock geschlagen wurde, wird die Bezeichnung Weltwunder des Biedermeier verständlich.


Die Hände begeben sich nun in die weite Fläche des Lustgartens. Empfindsame können die Wegführungen leicht erkennen. Der Untergrund der Wege ist schraffiert wie die Oberfläche einer groben Nagelfeile. Oben und unten ist der Lustgarten begrenzt durch eine lange Reihe mittelgroßer Bäume. In der Mitte des Lustgartens befindet sich eine Fontäne.


Oberhalb der oberen Baumreihe stößt die suchende Hand an die Fassade des Berliner Doms. Deutlich kann man fühlen, dass er das größte und machtvollste Bauwerk der Museumsinsel ist. Die mächtige Kuppel, die sich wie ein halber Apfel anfühlt, wird durch ein gut tastbares Kuppelkreuz gekrönt. An den vier Eckpunkten des quadratischen Doms erheben sich vier kleinere Kuppeln, die scheinbar auf Säulen ruhen. Zwei größere an der Eingangsseite und zwei kleinere an der Rückseite des Doms. Der Eingangsbereich ist weit ins Gebäude zurück versetzt. Gut zu erspüren sind wieder die auf der Museumsinsel allgegenwärtigen Säulen. Der quadratische Umriss wird durch große Fenster gebrochen. Ein Modell, an dem es viel zu erkunden gibt.


Wer sich nun als Gulliver in Liliput fühlen möchte, der kann - die linke Hand auf der Kuppel des Bode-Museums und die rechte Hand am Berliner Dom - die ganze Museumsinsel umarmen. Erwähnenswert sind noch die stilisierten Baumgruppen des Modells links vom Dom, deren geschlossenes Blätterdach gut zu befühlen ist und deren Schatten im Sommer den Besuchern Kühlung verspricht. Dieses Bronzewäldchen fühlt sich ähnlich an wie ein Blechkuchen, der reich mit Streuseln belegt wurde.


Wer möchte, kann noch länger verweilen, denn es gibt noch viele Einzelheiten zu entdecken. Wir überlassen Sie Ihrem taktilen Sinn und hoffen, ein wenig zur Begriffsbildung beigetragen zu haben.