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Ein Besuch mit Tastführung im Bauhaus-Archiv


Der industrielle Fortschritt, der sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa schnell entwickelte, veränderte auch in Deutschland die Lebensbedingungen und die Denkweise der Menschen. Diese technische Revolution wurde zur Grundlage für neuartige und fortschrittliche Ideen und Visionen. Besonders in den intellektuellen Kreisen war der Wunsch nach anderen, neuen Lebensbedingungen sehr ausgeprägt. Auch Walter Gropius war ein Vordenker dieser Bewegung. Seine - für damalige Zeit kühne Idee - die Architektur, bildende Kunst, das Handwerk und die Industrie in einer Einheit zu verbinden, begeisterte viele Künstler. Als Resultat des neuen Denkens wurde 1919 in Weimar eine Kunstschule für Gestaltung - Das Staatliche Bauhaus - gegründet. Walter Gropius wurde ihr erster Direktor.


Der Grundgedanke dieser Schule war, Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens zu entwerfen und industriell in großen Mengen zu produzieren. Nicht nur haltbar und preiswert sollen die Produkte sein, sondern auch zeitlos und schön.


In den 14 Jahren seines Bestehens, entwickelte das Staatliche Bauhaus einen Stil, der bis heute unsere Wohnkultur und Produktgestaltung beeinflusst.


Für das Bauhaus-Archiv selbst wurde der Grundstein bereits 1964 gelegt, allerdings wurde das Gebäude erst 1979 in Berlin-Tiergarten realisiert. Den Entwurf für dieses ungewöhnliche Museumsgebäude übernahm Walter Gropius. Mit seiner markanten Gestalt, der leuchtend weißen Fassade und der interessanten Dachform, dem so genannten Sägezahndach, ist es zu einem Wahrzeichen Berlins avanciert. 1998 wurde dieses Gebäude zum Baudenkmal erklärt.


Das Archiv widmet sich der Geschichte des Bauhauses und beherbergt Originale aus verschiedenen Arbeitsphasen der Bauhaus-Künstler. Die sehr umfangreiche Bibliothek ist für alle zugänglich.


Ganz im Sinne der Bauhausphilosophie gestalten sich die Ausstellungsräume bescheiden. Durch das Minimieren und den Einsatz geometrischer Formen wie etwa Dreieck, Würfel oder Kegel wird hier die Einfachheit und Zweckmäßigkeit repräsentiert und umgesetzt. Blinde und Sehbehinderte können sich mit Hilfe eines tastbaren Grundrisses eine Vorstellung vom Aufbau der Museumsräume machen.


Das Bauhaus-Archiv bietet außerdem viermal im Jahr einstündige Tastführungen mit unterschiedlicher Thematik an. Eine davon haben wir besuchen können.


Die Ausstellungsstücke, meist Originalentwürfe oder -objekte - befinden sich in Glasvitrinen, hängen an den Wänden oder stehen auch frei im Raum. Alle für die Führung bereit gestellten Tastobjekte befinden sich auf einem mit Rollen versehenen Schauwagen und werden in der Nähe der Originale betrachtet.


Als erstes erhielten wir einen Einblick in die industrielle Fertigung der Bauhaus-Möbel. Die Exponate - Möbelstücke, die vor über 90 Jahren als Prototypen für die industrielle Herstellung dienten - stehen frei im Raum: Eine Küchenzeile, die bis heute in unseren Wohnungen Standard ist, Büromöbel und Stühle denen wir jeden Tag fast überall begegnen. Leider dürfen diese Exponate nicht berührt werden, aber die Museumsmitarbeiter beschreiben die Objekte sehr bildhaft und detailliert.


Beispielsweise das wohl bekannteste und bis heute meist produzierte Möbel des Bauhauses, den Freischwinger-Stuhl von Marcel Breuer.
Der Freischwinger ist ein Sitzmöbel ohne Hinterbeine, dessen Sitzfläche unter dem Gewicht nachgibt und leicht nach hinten wippt. Der tragende Rahmen des Stuhls ist aus einem verchromten, mehrfach rechtwinklig gebogenen Stahlrohr gefertigt. Diese Konstruktion bildet am Boden eine U-Form, an der der Sitz und die Lehne befestigt sind. Die Bespannung wurde aus Leder, Rohrgeflecht oder Eisengarn gefertigt. Mit diesem legendären Stuhl wurde Breuer auch international bekannt.


In der Keramiksektion tat der schon erwähnte Schauwagen gute Dienste: So konnten wir anhand zweier Tassen den Unterschied zwischen dem Stil des 19.Jahrhunderts und der klaren, schnörkellosen Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts ertasten. Auf der einen Seite die verspielte bauchige Form einer Teetasse aus der Kaiserzeit, mit blumiger Reliefstruktur verziert und mit weit gerundetem Henkel versehen. Auf der anderen Seite – eine im Bauhausstil entworfene Tasse: eine gerade und schlichte Form, die noch in unserer Zeit Gültigkeit besitzt.


Neben Möbeln, Gebrauchsgegenständen oder Textilien entwarfen die Künstler in den verschiedenen Werkstätten der Kunstschule auch Spiele und Holzspielzeug für Kinder. Ein von Josef Hartwig zwischen 1922 bis 1924 entworfenes Schachspiel kann ertastet werden und beeindruckt durch die konsequente Anwendung geometrischer Formen. Das aus Furnierholz gefertigte Schachbrett ist schwarz-weiß bedruckt. Die zweiunddreißig Spielfiguren bestehen aus Ahornholz, teilweise sind sie schwarz gebeizt. Die Figuren sind auf drei geometrische Formen - Kugel, Rechteck und Würfel -reduziert. Die Figur des Bauers und der Turm sind durch den Würfel ausgedrückt. Der Läufer ist als ein aus dem Würfel geschnittenes Schrägkreuz, der Springer als Rechteck definiert. Die Figur der Königin besteht aus zwei aufeinander gesetzten Würfeln. Lediglich der Würfelform des Königs wurde der Kopf in Kugelform aufgesetzt.


Mit Hilfe eines tastbaren Musterkatalogs, der auch von Bauhaus-Studenten zu Lehrzwecken benutzt wurde, konnten wir die unterschiedlichsten Materialien wie Glas, Metall, Gewebe, Acryl oder Holz miteinander vergleichen.


Nicht zuletzt ist das Bauhaus auch für seine Ideen im Wohnungsbau bekannt. Der letzte Bereich der Ausstellung dokumentiert anhand von Bauplänen, Fotographien und Entwurfsmodellen, wie sich der Bauhausstil auf unsere Wohnkultur ausgewirkt hat. Insgesamt eine kurzweilige und lebendige Entdeckungsreise durch die Geschichte dieser so einflussreichen Stilrichtung der Moderne, die die Idee des Bauhauses handgreiflich vor Augen führt.


Im Anschluss nimmt sich das fachkundige Personal gerne viel Zeit für die Besucher, um deren Reaktionen und erwünschte Fragen auf die gerade erlebte Führung aufzunehmen und zu beantworten.
Empfehlenswert ist auch der Museumsshop, wo Gebrauchsgegenstände im Bauhausstil, nicht nur in die Hand genommen, sondern auch erworben werden können.