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Ausstellung „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933 - 1938“ im Deutschen Historischen Museum


Mitten im Zentrum von Berlin, an der Straße Unter den Linden, steht ein großes repräsentatives Gebäude. In diesem 300 Jahre alten Barockbau – manchem auch als Zeughaus bekannt – befindet sich das Deutsche Historische Museum. Seit 2006 gibt es hier die Dauerausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“. Sie illustriert die 2000jährige Geschichte des deutschen Volkes mit etwa 8000 historisch wertvollen Exponaten.  Zusätzlich zur Dauerausstellung werden in einer modernen Halle direkt hinter dem Zeughaus wechselnde Sonderausstellungen gezeigt. Dieser großzügige Neubau aus Glas und Stahl trägt den Namen seines chinesisch-amerikanischen Architekten Ioeh Ming Pei. Es ist also der Pei-Bau.


Das Deutsche Historische Museum bietet für Blinde und Sehbehinderte auch spezielle Führungen an. Diese beziehen sich sowohl auf die Dauerausstellung als auch auf die Sonderausstellungen. Unsere Reporterin Ute Rother hat zusammen mit Blinden und Sehbehinderten die Sonderausstellung „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933 bis 1938“ (Laufzeit 31.01.-10.11.2013) besucht.


Unter dem Motto „Vergangenheit erinnern – Zukunft gestalten“ beschäftigt sich die Schau mit zwei schrecklichen Ereignissen der deutschen Geschichte, die sich im Jahr 2013 unrühmlich jähren. Zum einen ist das die Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 – also 2013 vor 80 Jahren - und zum anderen ist das die Pogromnacht – auch bekannt als Reichskristallnacht - gegen die jüdische Bevölkerung und die Zerstörung ihrer Synagogen fünf Jahre später im November 1938.


Die Sonderausstellung dokumentiert sehr eindrucksvoll die Zerstörung der Vielfalt Berlins. Die Nationalsozialisten massakrierten vor allem jüdische Mitbürger durch Verfolgung, Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt. Wer nicht mehr aus Nazi-Deutschland herauskam, hatte unsägliches Leid zu ertragen. Einige konnten rechtzeitig fliehen, wie zum Beispiel der Physiker Albert Einstein oder der Revuekomponist und Kabarettist Friedrich Hollaender. Auch die berühmte Schauspielerin Marlene Dietrich verließ das Land, weil sie sich nicht von der Nazi-Propaganda vereinnahmen lassen wollte. Und der Dichter Bertolt Brecht ging ins Exil, nachdem seine Theaterstücke und Bücher verboten wurden.


1933 hatte Berlin 4,5 Millionen Einwohner, also etwa eine Million mehr als heute. Die deutsche Hauptstadt war auch die Hauptstadt der Meinungsfreiheit und der Kreativität. Auch damals schon kamen viele Touristen in die Stadt. Hier waren Menschen verschiedener Religionen zu Hause, die auf den Gebieten von Kultur, Kunst, Film und Theater Außergewöhnliches schufen. Dem schoben die Nazis abrupt einen Riegel vor. Bereits vier Monate nach ihrer Machtergreifung brannten am 10. Mai 1933 Berge von Büchern auf dem Bebelplatz. Dieser Platz neben der Staatsoper liegt übrigens gegenüber vom heutigen Deutschen Historischen Museum. 1936 zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin nahm die Toleranz immer mehr ab. Und bis zum Kriegsausbruch 1939 wurde es immer brutaler und menschenverachtender. Die Säuberungsaktionen gegen Juden, Schwule, Lesben und Behinderte nahmen weiter zu. Läden jüdischer Besitzer wurden mit Parolen wie „Kauft nicht bei Juden“ beschmiert. Mit der Zerstörung der Stadt im Krieg erreichte auch die Zerstörung der Vielfalt ihren traurigen Höhepunkt.


Um auch blinden und sehbehinderten Menschen die Sonderausstellung erlebbar zum machen, liegen ausgewählte Objekte zum Anfassen bereit. Mit Kopfhörern ausgestattete Hörstationen vermitteln Originalmusik und Lieder aus dieser Zeit, aber unter anderem auch eine Rede vom berüchtigten Propagandaminister Goebbels. Bei einer speziell organisierten Führung für Blinde und Sehbehinderte stand ein engagierter Museumsführer zur Seite, der unserer Zielgruppe mit großem Einfühlungsvermögen und viel Geschick dieses komplizierte Thema näher brachte. Dabei legte er viel Wert darauf, die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen nach Tasterlebnissen und detaillierten Informationen anzuregen. So bat er jeden Teilnehmer aus einem mitgebrachten Beutel etwas herausgreifen. Jemand hielt nun eine Kippa, die Kopfbedeckung der Juden, in der Hand. Andere ertasteten den Gebetsrosenkranz der Katholiken, eine kleine Engelfigur oder eine Bibel. An mehreren Orten des Raumes konnten rote Würfel ertastet werden. Diese sollen symbolisch die kulturell entstandenen Lücken darstellen. Einer dieser Würfel enthielt eine Tasse und einen Teller. Nachdem die drei jüdischen Frauen, die solches Geschirr in ihrem Unternehmen herstellten, umgebracht wurden, war damit eine weitere Lücke der zerstörten Vielfalt entstanden.


Auf dem Weg durch die Ausstellung stand auch eine Zeitungspresse aus den 30er Jahren. Die Nazis nutzten ja auch Zeitungen als Machtinstrument, um die Massen gleichzuschalten. Der blinde Sebastian Fietz konnte durch Abtasten den Verlauf des Papiers über mehrere Rollen genau verfolgen. Auch einer der großen Lautsprecher, die in den Straßen zur Beschallung der Bevölkerung mit Kampf- und Hetzparolen aufgestellt waren, sowie eine Zellentür aus einem SA-Gefängnis riefen beim Anfassen beklemmende Gefühle hervor. Ein paar Schritte weiter standen Koffer in unterschiedlichen Größen. Ein gut erhaltener Schrankkoffer durfte zur Blindenführung ausnahmsweise angefasst werden. Vor allem vom Anhalter Bahnhof sind viele Züge mit Flüchtlingen ins Exil abgefahren, die solches Reisegepäck benutzten.


In einem separaten Raum lagen weitere Exponate bereit, die die blinden und sehbehinderten Ausstellungsbesucher abtasten durften. Dazu gehörten solch grausamen Reliquien wie ein Gummiknüppel oder ein Schlagring, in den man außer dem Daumen mit den anderen vier Fingern hineinfährt und dann die Hand zur Faust ballt. Man mag sich kaum vorstellen, welche barbarischen Schmerzen ein Schlag mit solch einem scheußlichen Ding hervorruft. Des Weiteren gab es eine olympische Gedenkmedaille und einen großen Teller mit einem Spruch von Friedrich dem Großen sowie einem Reichsadler zum Anfassen. Sowohl der Spruch als auch der Adler waren reliefartig eingearbeitet, sodass beides von den Besuchern mit den Fingern gut abgegriffen werden konnte. Als Abschluss gab es das berüchtigte Buch von Adolf Hitler „Mein Kampf“ in Brailleschrift. Da der 29-jährige Sebastian diese Schrift beherrscht, las er einige Passagen vor. Auch mit dem Original-Weltatlas für Blinde aus den 50er Jahren ging Sebastian fachmännisch zu Werke, weil er solche Art Atlanten bereits kannte. Wir schlugen eine Seite auf. Sebastian fühlte die Ländergrenzen ab und gab die richtige Antwort: „Das ist der Kontinent Afrika.“


Nach eineinhalb Stunden stand das Resümee fest. Es lohnt sich, die Ausstellung zu besuchen. Sie bietet sowohl Blinden und Sehbehinderten, als natürlich auch Sehenden genügend eindringliches Material, um sich mit einem ganz speziellen Kapitel der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. So schrecklich die Zeit des Nationalsozialismus mit Vertreibung, Zerstörung, Tod und Krieg auch war, aber gerade deshalb muss erinnert und gemahnt werden, damit so etwas niemals wieder geschieht. Auch die stark sehbehinderte Frau Nelkowski war beeindruckt. Sie wurde 1930 geboren, war also zur Nazi-Zeit Kind. „Wir sind da reingewachsen, ohne etwas Böses daran zu sehen“, sagte sie und war sich der schlimmen Folgen natürlich bewusst.


Wer diese und andere Ausstellungen des Deutschen Historischen Museums besuchen möchte, wird um vorherige Anmeldung beim Besucherservice wird gebeten. Etwa drei bis vier Wochen zuvor sollte man anrufen und eine Führung für maximal zehn Blinde und Sehbehinderte buchen. Bitten Sie auch darum, dass spannende Exponate zum Anfassen und Ausprobieren bereitgelegt werden. Es lohnt sich, auch die Dauerausstellung dieses Museums zu besuchen. Hier kann man zum Beispiel ein altes Kettenhemd anfassen und anziehen. Auch ein Schwert lässt sich begutachten. Aber keine Angst. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes entschärft. Verletzungsgefahr besteht also nicht. Eine Gruppenführung kostet 75 Euro plus Eintritt. Auch dabei ist es ratsam, vorher die Konditionen zu klären. Aufgrund der umfangreichen Bauarbeiten in den Straßen Unter den Linden und Friedrichstraße sollte man in Begleitung gehen.