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Thomas Maurenbrecher
Die Philharmonie


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Der vielgestaltige Bau von Hans Scharoun aus dem Jahre 1963, die Philharmonie, steht am Kemperplatz. Man geht etwa zehn Minuten vom Potsdamer Platz dorthin. Die Philharmonie ist auch für einen Normalsichtigen, wenn er sie ganz umrundet hat, kaum in die Vorstellung zu bekommen. Schon wenn man einen komplizierteren platonischen Körper wie den Pentagondodekaeder in den Fingern dreht, kann man die Volumenstruktur kaum noch begreifen. Der Bau der Philharmonie ist noch bei Weitem komplexer.

 

Für einen Blinden, der nicht nur einzelne Büsten oder Säulen im Innern betasten möchte, würde man sich Zweierlei wünschen:

 

1. Dass ihn die Außenhautputzer der Philharmonie auf ihr Wägelchen ließen, das mit einem Elektromotor beliebig hoch und runter und zur Seite manövriert werden kann. Dass sie ihn dort festbänden und mit der Hand fühlen ließen, welche Abstufungen, Ecken und Kanten es dort bis hin zum Dach gibt. Dann sollte er die Möglichkeit haben, seine Tasterfahrungen mit einem Modell des Baus zu vergleichen.

 

2. Um das wunderbare Fünfeck des großen Saals zu ergründen, würde man sich wünschen, dass die Wildgänse aus der „Wunderbaren Reise des kleinen Nils Holgersson“ wieder kämen und dass eine ihn aufnähme und sacht mit ihm im Innenraum mit seinem Orchesterplatz in der Mitte und den vielen Sitzreihen an den Wänden ringsum entlangflöge und er ebenfalls seine Hand ausstrecken könnte.
Aber das ist natürlich blauer Dunst.

 

Die Berliner Philharmoniker, das namhafteste Orchester Deutschlands neben dem Gewandhausorchester in Leipzig, haben hier seit 1963 ein architektonisch faszinierendes Haus bekommen. Es ist auch klanglich optimal, weil die Fünfecke des Großen Saals ineinander verschoben sind und besonders geeignete Materialien für die Wandverkleidungen verwendet wurden. An keiner Stelle sitzen die Zuhörer weiter als 32 Meter entfernt von den Musikern. Von diesem nahen und voluminösen Klang konnten wir uns während einer Führung überzeugen, als wir auf den oberen Rängen saßen und bei einer Probe von Leoš Janáčeks „Taras Bulba. Rhapsodie für Orchester“ zuhören konnten.

 

Aber die Berliner Philharmoniker konnten nicht immer schon in einem solchen passenden, ja idealen Bau ihre Konzerte geben wie seit über vierzig Jahren. Als das Orchester 1882 gegründet wurde, spielte man zunächst in verschiedenen Sälen, bis ein eigener Bau zur Verfügung stand, der 1944 in Flammen aufging. Neunzehn Jahre lang waren die Berliner Philharmoniker ein Sinfonieorchester ohne eigenes Haus.

 

Die Geschichte der Berliner Philharmoniker spiegelt die Entwicklung der modernen Hörgewohnheiten bei Konzerten wieder. Der erste Dirigent, Hans von Bülow, erzog sein Publikum: Essen und Trinken während der Konzerte verbat er sich. Er bestrafte sogar Damen, die mit dem Fächer wedelten, durch einen strengen Blick solange, bis sie den Arm senkten. Schließlich bemächtigte sich die NS-Kulturpropaganda des Orchesters. Der Dirigent Wilhelm Furtwängler geriet in eine moralische Schieflage, die ihm nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur offiziellen Entnazifizierung im Jahre 1952 nachhing.

 

Mit einiger Berechtigung kann man bei den Berliner Philharmonikern von einer Orchesterrepublik sprechen. Denn seit den Anfängen des Orchesters ist es Tradition, dass sich die Orchestermitglieder ihren Chefdirigenten und die neuen Mitglieder selber wählen. Das sind republikanische Grundlagen für einen magischen Vorgang, den jeder Dirigent mit jedem Orchester zu vollführen hat: Wie kann es gelingen, dass an die hundert hochprofessionelle Musiker durch die Ausstrahlung und die Gesten eines Mannes, des Dirigenten, zu einem Klangkörper zusammenwachsen?

 

Doch zurück zu dem, was Blinde bei einem geführten Rundgang durch die Philharmonie selber ertasten können. Wir sind treppauf und treppab gegangen, haben den riesigen Bau von innen umrundet. Das ist ein Raumerlebnis, das man vermutlich auch bei einem hochkomplexen Zirkus haben könnte, wenn man herumgeführt würde, bevor die Vorstellung losgeht. In der Höhe des Trapezes beim Zirkus hängen im Großen Saal jedoch Klangsegel, das sind trapezförmige Reflektoren. Sie tragen neben der Wandverkleidung dazu bei, dass sich die Klänge nicht im Raum verlieren, sondern konzentriert bleiben. Im Foyer kann man mit den Füßen ertasten, dass die verschiedensten Materialien im Boden eingelassen sind. Manchmal sind es Mosaike. Bei drei auseinanderstrebenden Trägerpilonen ist der Boden auf einen Durchmesser von etwa zweieinhalb Meter buckelartig erhöht, um dem Eindruck von Schwere entgegenzuwirken.

 

Ausgiebig befühlen kann man die Büsten von 4 Dirigenten. Im Falle von Wilhelm Furtwängler, der eine ausgeprägte Gestik beim Dirigieren entwickelte, sind außer dem Kopf seine Hände und der Taktstock zu befühlen. In den Umgängen verteilt, stehen verschiedene Skulpturen, wie etwa eine größere mit stabartigen und schalenförmigen Elementen von Bernard Heiliger mit dem Titel „Auftakt“. An einer anderen Stelle kann man „Blaubarts Burg“ betasten, die Skulptur eines Orchestermusikers. Der untere Teil hat in etwa die Form eines Kürbis und ist aus Holz. Der obere metallene Teil ist darauf gesteckt. Von diesem Teil stehen mehrere Stäbe in die Höhe, an die Metallplättchen gelötet sind.

 

Das ganze Gebäude besteht aus einem größeren und einem kleineren Saal, die nebeneinander liegen. Der kleinere– der Kammermusiksaal wurde nach dem Tod von Hans Scharoun in den 80er Jahren von einem seiner Mitarbeiter nach Entwürfen Scharouns gebaut. Scharoun hatte das immer schon bauen wollen, es fehlte damals aber an öffentlichen Geldern… Der Kammermusiksaal folgt den Prinzipien des Großen Saals. Das Orchester in der Mitte, im Fünfeck von den Zuhörern in unterschiedlicher Höhe umrundet.

 

Der Architekt Hans Scharoun konnte mit dem Bau der Philharmonie ein Meisterwerk der organischen Architektur realisieren, nachdem er Jahre lang in der Nazizeit keine Aufträge bekommen hatte. Seine komplexe Aufbrechung der Raumelemente mit den vielen ineinander geschobenen Kuben war Anfang der 60er Jahre bahn brechend.

 

Um die Klangqualität des Großen Saales zu testen, könnte man Folgendes machen. Man könnte sich ein Werk aus dem Repertoire der Klassik oder auch der Gegenwart zu Hause auf seinem CD-Player anhören. Bei den digitalen Einspielungen werden ja durch Toningenieure alle Klänge bearbeitet. Man könnte sich auf einzelne Sätze oder eine bestimmte Stelle konzentrieren. Dann könnte man sich das gleiche Werk im Großen Saal anhören und versuchen herauszufinden, ob der Klang dort direkter, voller, seidener und ich weiß nicht was ist. Wäre das nicht ein lohnendes Experiment für einen Nichtsehenden?

 

Und dann kam die Chance, Sir Simon Rattle bei einer Orchesterprobe zu erleben, die gespickt ist mit den erdverbundenen, kraftvollen und überraschenden Klängen russischer Komponisten des 19. Jahrhunderts: eines Borodin und eines Mussorgsky. Bei dieser Probe erlebt man plötzlich die Selbstverständlichkeit des Außergewöhnlichen: Dieser kleine Mann mit der weißen Lockenmähne kommt wie von ungefähr herein, das beigefarbene Hemd über der Hose, geht aufs Podest, und es geht los. Ja, er hat den Taktstock in der Rechten, aber niemals gibt es ein Trimmen von Musikern, die ja das Temperament von Lipizzanern haben - jung sind auch noch viele von ihnen.

 

Er hebt die Arme, scheint eine Chiffre in der Luft zu entwerfen, die alle Musiker verstehen. Er steht da mit gegrätschten Beinen: Ein wenig wie Charlie Chaplin, schießt es mir durch den Kopf, bevor dieser loshoppelt in seinen berühmten Szenen. Denn auch dieser Zauberer hier ist nicht allzu groß, eher zart. Sir Simon hat weder einen Bowler noch einen Spazierstock, um damit herumzufuchteln. Wenn es läuft, steht Sir Simon da ruhig wie eine Birke, als ob er das gesamte Orchester mit seinem begeisterten musikalischen Raptus einsaugen würde. Er kann aber auch kraftvolle Kreuze oder Balken in die Luft ritzen, wiegt dabei seinen Oberkörper. Oder er beugt sich nach rechts.

 

Man sieht sein Vogelgesicht im Profil, der schwerelose Strandläufer: Jetzt holt er unerwartet mehrmals mit der Linken aus, als ob er einen Brotteig darin trüge, wirft diesen nach rechts zu den Celli, Violen und Kontrabässen, damit sie sich kräftiger ins Zeug legen. Die schneidenden Mischklänge aus Oboen, Hörnern oder Trompeten steigern sich in den Bildern einer Ausstellung immer mehr. Bis sich am Schluss ein rhythmisches Gewitter von gegeneinander geschlagenen Beckendeckeln, der Pauke und einem riesigen Gong wie aus einem tibetanischen Kloster über den Streichern, Schellen, der Harfe und schließlich auch den Zuhörern entlädt. Sir Simon sagt als Nachschlag noch knapp, dass man sich schon zur Carnegie Hall begeben müsse, wenn man das noch einmal hören wolle - das Weltorchester auf Welttournee. Er lächelt kurz und geht wie von ungefähr nach links in einen trichterförmigen Gang ab.

 

Als ich zwischen all dem internationalen Zuschauervolk dieser Probe die Stufen hinunter schleiche, muss ich an Beethovens Ausspruch denken: „Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie.“