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Komische Oper
Steht man vor der Komischen Oper Berlin, könnte man meinen, dass man sich verlaufen hat. Denn der Bau sieht von außen wenig pompös aus, jedenfalls nicht so, wie man es von einer Oper erwartet. Das 1892 erbaute Gebäude eröffnete zunächst als „Theater unter den Linden“, das bereits vier Jahre später in Konkurs ging, so dass dort das Metropol-Theater einzog. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich das weithin bekannte Revuetheater zu einem der bedeutendsten Operettenbetriebe des Landes. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde es von der „Kraft durch Freude“-Organisation, wie viele andere Theater auch, gleichgeschaltet. Dennoch lief der Betrieb bis 1944 weiter. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörten Bomben das Gebäude fast vollständig. Lediglich der neobarocke Zuschauerraum blieb als einziger historischer Opernsaal Berlins wie durch ein Wunder erhalten – das Herzstück, um das herum ein neues Haus gebaut wurde. Der 1901 in Wien geborene Regisseur Walter Felsenstein gründete hier 1947 die Komische Oper Berlin, deren Intendant er bis zu seinem Tode im Jahr 1975 blieb. Namentlich verweist das Haus auf die Tradition der französischen Opéra Comique, die am Ende des 18. Jahrhunderts entstand und in der auch der gesprochene Text neben dem Gesang an Bedeutung gewann. Walter Felsenstein realisierte diese Verbindung von Musik und szenischer Interpretation derart konsequent, dass für seine Arbeit der Begriff „Musiktheater“ wirklich gelten kann – denn er nahm beide Bestandteile des Wortes Musik und Theater gleich wichtig und schuf hiermit einen völlig neuen Stil von Regie- und Inszenierungsarbeit, der bis heute weltweiten Modellcharakter besitzt.
Die Komische Oper Berlin sieht sich der Tradition Felsensteins noch heute verpflichtet und ist in diesem Sinne ein Opernhaus, das für alle sozialen Schichten offen ist. Als künstlerische Besonderheit gilt auch die reine Deutschsprachigkeit aller Aufführungen, die unter anderem in der Absicht Felsensteins, für ein überwiegend deutschsprachiges Publikum unmittelbar verständlich zu sein, ihre Wurzeln hat. Mit langen Probenzeiten und modernen zeitgenössischen Inszenierungen setzte Felsenstein im Bereich der Opernregie Maßstäbe, die bis dahin nur dem Schauspiel vorbehalten waren. Und auch heute noch prägen moderne, zeitgenössische und lebendige Inszenierungen das künstlerische Profil des Hauses.
Während der Führung „Blick hinter die Kulissen“ erfährt der Besucher die abwechslungsreiche Geschichte von der Wandertheaterbühne über die Geburt des realistischen Musiktheaters bis zum modernen Opernbetrieb des 21. Jahrhunderts. Nach Besteigen der mit einem roten Teppich ausgelegten Kaisertreppe erreicht man das verspiegelte Foyer – den jüngsten Umbau an der Komischen Oper Berlin – das ein Aufeinandertreffen von alt und neu meisterlich verbindet. Säulenarchitektur trifft auf Minimalismus. Hier stößt man unweigerlich auf Walter Felsenstein, vielmehr auf einen Bronzekopf des Bildhauers Wieland Förster, der ausdrücklich von Nicht-Sehenden betastet werden darf. Nach Verweilen auf einem der quadratischen, bequemen Hocker führt Yvonne Trawny, Mitarbeiterin der Musiktheaterpädagogik, in den Zuschauerraum. Schon beim Berühren der samtenen Stühle und der Säulen spürt man das barocke Flair. Systematisch besteigen wir jeden Rang, um die unterschiedliche Akustik zu hören. Durch Rufe in den Saal oder Klänge der überall hörbaren Bühnenarbeiten lässt sich erlauschen, in welchem Rang wir uns gerade befinden. Bei der Führung geht es vor allem um die Arbeitsabläufe hinter den Kulissen, all dessen also, was den Zauber einer Abendvorstellung möglich macht.
Während wir über weichen Teppich zur Bühne hinab schreiten, erfahren wir, dass – anders als im Sprechtheater – die Souffleuse den gesamten Text von der Seite einspricht. Denn ein Hänger würde bei einer Oper alles aus dem Takt bringen. Neben der Bühne gibt es einen engen, schmalen Gang, der Parkett und Bühne verbindet. Wir dürfen uns reinzwängen und bekommen eine Ahnung von der Panik, die Lampenfieber genannt wird. Auf der Bühne angekommen, geraten wir bei der fünfprozentigen Neigung kurz ins Straucheln, und wenn sich dann auch noch die 13 Meter breite Drehscheibe dreht und man den Abgrund des Orchestergrabens spürt, ist der Schwindel nicht mehr aufzuhalten. Erst 21 Meter vom Bühnenrand entfernt gibt es wieder eine feste Wand – allerdings aus nacktem, kalten Ziegelstein, wie zu spüren ist. Etwas benommen werden wir auf verschlungenen Wegen zur Unterbühne geführt, wo uns die Erläuterung der Bühnentechnik von Hebeln, Ketten und Knöpfen wieder ernüchtert. Wie versinkt ein Sänger im Bühnenboden? Hier erfahren wir es.
Zwischendurch machen wir einen Abstecher auf die Probebühne, die ebenfalls eine Neigung hat – allerdings nur halb so steil. Vorbei an den für den Abend bereitgestellten Instrumenten, den Luftballons aus der Inszenierung „Das Land des Lächelns“ und den unzähligen Kostümständern gelangen wir in die schlichten Garderoben, in denen auch bekannte Solisten aus aller Welt nicht mehr vorfinden als eine alte Liege und eine kleine Schminkecke. Es riecht nach Mottenkugeln. Hier platzt die Illusion, dass das große Gefolge überall dabei sein kann. Noch nicht einmal eine Vase für die Premierenblumen findet hier Platz.
Während wir noch erfahren, wie der Eiserne Vorhang funktioniert, verweist Yvonne Trawny noch auf eine winzige Tür vor dem Zuschauerraum, durch die man nur mit eingezogenem Kopf hindurchpasst. Hier wurde noch bis in die 60er Jahre, bis zur Fertigstellung des Garderobenbereichs, die Garderobe abgegeben. Es gibt heute noch Mitarbeiter, die sich erinnern, dass noch eine Stunde nach Vorstellungsschluss die Leute auf ihren Mantel warteten. Doch dies hat der Popularität des Hauses keinen Abbruch getan. In der Spielzeit 2007/2008, in ihrem 60. Gründungsjahr, wurde die Komische Oper Berlin zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt; zudem erhielten die 60 Chorsolisten die Auszeichnung „Opernchor des Jahres“. Dies beweist, dass der von Walter Felsenstein eingeschlagene Weg auch unter der Leitung von Andreas Homoki das Genre Oper bis heute lebendig hält.
Eine Führung dauert 1 Stunde und 15 Minuten, kostet 5 Euro pro Person und findet einmal wöchentlich – Freitag oder Sonnabend – statt. Blinde und Sehbehinderte können an den öffentlichen Führungen teilnehmen. Sie können aber auch als geschlossene Gruppe eine eigens auf sie ausgerichtete Führung erhalten. Bitte kontaktieren Sie hierzu Yvonne Trawny persönlich. Auch Schulklassen mitsamt Betreuungspersonen sind herzlich willkommen. Karten erwirbt man an der Tageskasse. Blinde bzw. Sehbehinderte werden gebeten, sich spätestens 15 Minuten vor Beginn der Führung an der Kasse zu melden, damit auf sie – auch hinsichtlich der Sicherheit – besonders eingegangen werden kann.
