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Milchhof Mendler und Baumschule Fischer
oder
Von Kühen und Bäumen in Berlin


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Wenn du das Gefühl hast, dass Dich Berlin mit seinen vielen touristischen Attraktionen, dem ohrenbetäubenden Autolärm, den vielen Verkäufern und Händlern, die alle nur dein Geld wollen, auszusaugen droht und Du nur noch entnervt durch die Gegend hastest, dann gibt es einen Ort, an den du fliehen kannst. Einen Ort voller Idylle, Natur, Ruhe - einen Ort zum Loslassen eben.

 

Der Milchhof Mendler und die Baumschule Fischer geben dir die Möglichkeit, mal wieder durchzuatmen und Dich von der Hektik und dem Trubel der großen Stadt Berlin zu erholen. Die grüne Oase liegt aber nicht irgendwo in der Pampa, fernab von jeder Busverbindung, nein, sie liegt am Rand von Rudow und ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schnell und gut zu erreichen. Vom U-Bahnhof Rudow noch 10 Minuten mit dem Bus, und schon biste im Grünen und fühlst Dich wie bei Mutti aufm Dorf. Der Milchhof Mendler ist ein Familienbetrieb, der Milch- und Fleischwaren herstellt, Marmelade und Obstsäfte produziert. Alle Produkte können direkt auf dem Bauernhof gekauft werden.

 

Schon auf dem Wegstück von der Bushaltestelle zum Bauernhof wehte uns ein Gemisch aus frischem Kuh- und Pferdemist entgegen und kündete an „hier gibt’s Tiere“. Für mich, die kleene Landpomeranze, die 16 Jahre ihres Lebens auf dem Dorf gelebt hat, war das eine echte Sensation. Unvorstellbar - in dieser großen miefigen Stadt Berlin einen Hauch von Landluft. Nach fünf Minuten Fußweg waren wir am Ziel und stürzten uns gleich in den kleinen Lebensmittelladen, der eine große Auswahl an Wurst- und Käsesorten, Marmelade und auch frisch gemolkene Kuhmilch anbietet. Die Verkäuferin war sehr freundlich und hilfsbereit und ließ uns auch das eine oder andere kosten. So auch eine spanische Salami, bei der mir vor Freude fast die Luft weg blieb, weil sie so scharf war.

 

Nachdem wir uns mit Proviant versorgt hatten, eroberten wir den Streichelzoo. In dem Freigehege leben Ziegen und Schafe einträchtig nebeneinander, jedenfalls an diesem Tag. Der Besucher hat die Möglichkeit die Tiere zu füttern und zu streicheln. Obwohl wir uns geduldig bemühten, die Tiere durch gutes Zureden und leckere Fressalien anzulocken, waren sie doch eher schüchtern und mochten sich nicht so recht streicheln lassen. Vielleicht gelingt es Dir ja, mit viel Geduld und Futter in den Taschen, die Tierchen anzulocken, so dass Du dann ihre weiche Wolle streicheln kannst. Das wünsche ich Dir jedenfalls sehr, denn ich finde, es gibt fast kein schöneres Glück. Nach meiner misslungenen Streichelaktion bei den Schafen und Ziegen wagten wir uns dann trotzdem zu den Kühen. Die waren sehr zutraulich und ließen sich bereitwillig streicheln. Sie grasten auf einer Weide, die durch einen Zaun gesichert war, damit die Kühe nicht quer über den Hof rennen und sich an den Bullen vergreifen. Es beeindruckt mich immer wieder, wie groß und wuchtig so eine Kuh doch ist. Mir war schon ein bisschen mulmig, als ich eine von ihnen streichelte. Aber schön war es auch, die Hand über das weiche, glatte Fell der Kuh gleiten zu lassen, um festzustellen, dass die Kuh trotz ihrer Größe, wirklich lieb und seelenruhig dastand. Alles was ich hörte, war, wie sie gelegentlich am Gras zupfte um sich zusätzlich zu der Portion Streicheleinheiten noch mit lecker Gras voll zu stopfen.

 

Als wir das Pendant zur Kuh, nämlich die Bullen, besuchten, war ich ehrlich beeindruckt. Die Bullen durften nicht frei auf der Weide herumlaufen, sondern wurden in einer offenen Stallung und durch Ketten in ihrem Quartier voneinander fern gehalten. Obwohl ich die Tiere nicht berühren durfte, konnte ich doch spüren, wie stark und wild sie sind. Ihr lautes Schnaufen und das ständige Rasseln der Ketten ließen mich erahnen, welche unbezähmbare Kraft in ihnen steckt. Als wir sie belauschten und beobachteten, verhielten sie sich recht still, aber als wir uns etwas entfernt hatten, muhte einer von ihnen los - vielleicht um uns zu verabschieden. Jedenfalls war ich froh, dass ich bei seinem Abschiedsmuhen nicht mehr direkt vor der Stallung stand, denn sonst hätte ich vielleicht einen Hörschaden davon getragen.

 

Auf unserem Streifzug durch die Welt des Landlebens wurden wir vom Gackern der Hühner und dem Gezwitscher der Vögel begleitet, so dass die Idylle perfekt war. Wer sich für Pferde interessiert, kann auf dem Bauernhof auch Reiten oder eine Kremserfahrt mit der Pferdekutsche unternehmen. Außerdem hatte ich die Gelegenheit Pferdeliebhaber beim Reiten und Trainieren der Pferde zu belauschen. Eine Situation fand ich zum Schreien komisch. Eine Frau sitzt auf einem Pferd gibt ihm zwischendurch Anweisungen, wie ‚brrr’, ‚Galopp’… etc., und telefoniert gleichzeitig lautstark mit ihrem Handy. Na ja, das Hörbild spricht für sich und lässt vermuten, dass fast gar nichts unmöglich ist. Vielleicht gibt es irgendwann Pferde mit integriertem Laptop.

 

Als wir uns müde gestreichelt und gehört hatten, verließen wir den Bauernhof und zogen uns in die totale Ruhe zurück. Die Baumschule Ewald Fischer ist ein 90000 qm großes Gelände, das mit einem großen Artenreichtum an Bäumen und Pflanzen bebaut ist. Von Nadelbäumen, über Schling- und Kletterpflanzen bis hin zu Obstbäumen, kann man alles entdecken. Die Baumschule grenzt direkt an den Milchhof Mendler. Sie ist eine ruhige Oase. Als wir durch das Eingangstor die Baumschule betraten, hatte ich das Gefühl, in eine andere Welt zu tauchen. Es war plötzlich die totale Ruhe um uns, nur der Wind in den Blättern und ab und zu ein Vogel waren zu hören.

 

In der Baumschule stehen zu beiden Seiten des Weges verschiedene Bäume und Pflanzen. Die Anordnung der Bäume macht es auch einem sehbehinderten Besucher einfach den Weg zu finden, so dass er sich selbständig und frei bewegen kann, um die Pflanzenwelt zu erkunden. Zwischendurch gibt es zwar immer mal wieder aufgeworfene Erde, weil die Bäume ja ausgegraben und an anderen Stellen wieder eingesetzt werden, aber auch das ist eigentlich kein Problem: Denn wenn man doch mal stolpern sollte, dann landet man weich und große Verletzungsgefahr besteht nicht. Ich jedenfalls habe es sehr genossen, zwischen den Bäumen hindurch zu wandeln und alles in Ruhe in die Hand zu nehmen. Obwohl ich sehr naturverbunden und daher viel im Wald bin, habe ich hier doch Blätter kennen gelernt, die ich so vorher noch nie in den Händen hatte.

 

Wieso, Blatt ist doch Blatt, könnte man einwenden, aber schon bei einem Blatt hat sich die Natur viel einfallen lassen. Da gibt es Bäume die hatten große, breite, gummiartige Blätter, bei anderen hatte ich das Gefühl, ich fahre mit den Fingern über eine Wachstuchdecke. Ein Baum hat ganz zusammengerollte, etwas poröse Blätter, sie erinnern an künstlich gedrehte Locken oder an die Form von Spirellinudeln. Bei anderen Blättern entsteht der Eindruck, als wären sie von tausenden Nadelstichen durchzogen, die ein nicht zu deutendes Muster ergeben. Auch ein Nadelbaum ist nicht gleich Nadelbaum. Da gibt es welche, die sind wirklich stachelig und signalisieren gerade zu: Fass mich nicht an! Andere sind weich und biegsam und erinnern so gar nicht an Nadelbäume.Wenn die Hand dann doch einmal müde wird und Formen und Beschaffenheit der Pflanzen sich kaum noch begreifen lassen, bleibt immer Zeit zum Ausruhen, Nachsinnen und Abschalten. Wenn Dir ein Baum so richtig gefällt und du das Gefühl hast, dass er dich nicht mehr los lässt, dann kannst du ihn auch mit nach Hause nehmen. Die Baumschule Fischer bietet einen Lieferservice für bis zu 12 Meter hohe Bäume an und berät Dich auch gern bei der Bepflanzung Deines Gartens. Ein wenig seltsam war es aber doch mal zu fühlen, wie so ein Baum aussieht der kurz vor dem Abtransport steht. Der Baum steht nun nicht mehr fest verwurzelt in der Erde, sondern er liegt. Seine Wurzeln sind mit dicken Tüchern verbunden. Mich erinnerte dieses Bild ein wenig an ein verletztes Kind, dass bandagiert wurde.

 

Aber auch der Geschmackssinn kommt beim Besuch in der Baumschule nicht zu kurz. Es gibt eine Reihe von Obstbäumen, die nur darauf warten, dass Du eine Frucht von ihnen kostest. Ich aß seit langem mal wieder einen richtig frischen, süßen und saftigen Apfel, der mich ein wenig in Kindheitserinnerungen schwelgen ließ.
Für mich war der Besuch des Milchhofes und der Baumschule eine wunderbare Möglichkeit dem Chaos und dem Wirrwarr der Stadt zu entfliehen und mal wieder richtig abzuschalten. Es hat mich so beeindruckt, dass es noch Flecken von Natur gibt, die so unbeschadet wirken, obwohl sie Mitten in Berlin liegen. Dieser Besuch hat mir Berlin mal von einer ganz anderen, sinnlichen und sanften Seite gezeigt.