Inhalt

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. Drucken

alt Audiodatei zum Download (mp3 - 2300 kB)


Als die Bergmannstrasse noch nicht die Bergmannstrasse war


Gestatten Sie, dass wir Sie wieder einmal zu einem Streifzug durch die Berliner Vergangenheit einladen. Wir möchten Ihnen diesmal etwas erzählen, von Bauboom und Spekulation, rasenden Entwicklungen, Wirtschaftskrisen, Einwanderern, Armut und Jugendkriminalität. Nein, dies sind nicht die Schlagzeilen der aktuellen Berliner Zeitungen. Wir haben das Rad der Geschichte bereits zurückgedreht. Kommen Sie mit, über 150 Jahre zurück, in die sogenannte gute alte Zeit! Die Zeit, als Berlin im Süden an der Zollstation am Halleschen Tor endete. Dort verlief im 18. Jahrhundert vom Potsdamer Platz in Richtung Schlesisches Tor die Berliner Stadtmauer, an der strenge Kontrollen der ein- und ausreisenden Bürger die Regel waren. Stadtfremde mussten, soweit sie sich länger als 24 Stunden in Berlin aufhalten wollten, ihre Papiere sowie eine Aufenthaltskarte für zehn Silbergroschen hinterlegen, eine Summe für die man zu der damaligen Zeit ungefähr drei Pfund Brot oder knapp ein Kilo Fleisch bekam. Ebenso wurden hier die Zölle eingetrieben. Zollpflichtig waren alle Waren, die in die Stadt gebracht wurden, auch die Agrarprodukte der umliegenden Dörfer, z.B. aus Tempelhof oder Mariendorf.


Das Gebiet südlich des Halleschen Tors war schon JWD, „janz weit draußen“ also. Es war im wesentlichen landwirtschaftlich genutzte Fläche, zu der auch das Weinanbaugebiet am Tempelhofer Berg gehörte, über dessen berüchtigte Produkte schon an anderem Ort berichtet wurde. So erhielt die Bergmannstraße (ursprünglich Bergemannstraße) erst 1837 ihren heutigen Namen, benannt nach der Grundeignerin Marie Louise Bergemann, deren Besitz sich von der heutigen Heimstraße bis zum Am Tempelhofer Berg erstreckte. Davor hieß die Straße schlicht der Weinbergsweg. Hierhin wurden Landpartien unternommen, aber auch die Gräber der Angehörigen auf den aus dem Stadtgebiet ausgelagerten Friedhöfen besucht. Zu dem siedelten sich in diesem Bereich schon sehr früh viele Ausflugskneipen an.
Doch so idyllisch wie die Maler Adolph Menzel, Friedrich Wilhelm Schaub oder Heinrich Hintze die Landschaft rund um die heutige Bergmannstraße gemalt haben, war das Gebiet nun auch nicht. Denn es gab hier im 18. und 19. Jahrhundert so gut wie keine Ecke, die nicht militärisch genutzt wurde. Hier befanden sich die großen Manöver- und Exerzierplätze Berlins, später die Kasernenbauten, z.B. an der Tempelhofer Chaussee, heute das Finanzamt Friedrichshain-Kreuzberg am Mehringdamm oder in der Jüterboger Straße, jetzt u.a. die Kraftfahrzeugzulassungsstelle.


Zudem klopfte die industrielle Revolution an die Tore Berlins. Die Stadt, eng bebaut, bot kaum Flächen für neue Produktionsstätten. Diese wurden vor die Stadttore verlegt, auch vor das Hallesche Tor. Die neuen Arbeitsplätze zogen immer mehr Menschen nach Berlin, das sich rasant vergrößerte. Zwischen 1840 und 1865 wuchs die Stadt um 320 000 Einwohner und die brauchten Platz. 1861 wurde die Tempelhofer Vorstadt, das Gebiet südlich des Landwehrkanals, nach Berlin eingemeindet und wurde in den von dem Baurat James Hobrecht entwickelten Bebauungsplan einbezogen. Das Bauernland wurde zu Bauerwartungsland, dessen Besitzer sich reichlichen Gewinn ausmalen konnten. Man sprach von den Tempelhofer Millionenbauern. Baugesellschaften und reiche Kaufleute erwarben die Grundstücke und viele Grundstücke wechselten, innerhalb kurzer Zeit und mit gehörigem Profit, mehrmals den Besitzer. Es entstand eine einheitliche Wohnbebauung mit wenigen Hinterhöfen, bedingt durch die Unebenheit des Geländes. So war auch die Anzahl der um diese Zeit üblichen Hinterhofbetriebe im Gegensatz zu anderen Berliner Bezirken wesentlich geringer. Das heißt nicht, dass es die, im Vergleich zu den Vorderhäusern weitaus spärlicher ausgestatten, Seitenflügel und Hinterhäuser für die Arbeiter und kleinen Angestellten nicht gab. Hier war der Bereich in der die Armut grassierte. Doch konnten einige mit dieser Armut ein gutes Geschäft machen. Aufgrund von Spekulation sowie der Zuwanderung von mittellosen Landarbeitern aus Pommern, Schlesien und Polen nach Berlin stiegen z.B. in den Jahren 1871–1873 die Mieten um das Doppelte bis Dreifache. Viele Menschen wurden trotz Arbeit obdachlos. In der Nähe des heutigen Prinzenbades gab es eine Barackensiedlung, die mit den heutigen Slums der außereuropäischen Großmetropolen viele Gemeinsamkeiten hatte. Die sozialen Probleme waren gewaltig. Alkoholmissbrauch und Gewaltkriminalität waren an der Tagesordnung.


Die Gemeinde der Heilig-Kreuz-Kirche schildert in einem Bericht an die Kreissynode: „Das Schlimmste dabei ist, dass die Kinderwelt an diesen Auswüchsen stark beteiligt ist, ein Konfirmand unserer Gemeinde sogar an einem Mord. Diebstahl ist nichts Außergewöhnliches bei ihr. Häufig liegt den Kindern weniger an dem gestohlenen Gut, als daran ihre Kühnheit zu zeigen, besonders bei den Bandendiebstählen, bei welchen keiner hinter dem anderen zurückstehen will.“ (1) Aber auch den Kirchen und der Religion wandten sich viele Menschen zu. Die 1888 errichtete Heilig-Kreuz-Kirche musste bis zu fünf Gottesdienste an den Sonntagen abhalten, mit jeweils über 1000 Besuchern und trotzdem blieben Menschen noch vor der Tür. Um diesen Ansturm genüge zu leisten wurde zusätzlich im Jahre 1905 die Passionskirche am Marheinekeplatz gebaut.


1920 wurde der Verwaltungsbezirk Kreuzberg gebildet, zu dem die Tempelhofer Vorstadt, die südliche und äußere Friedrichstadt sowie die Luisenstadt gehörten. Aber das änderte an den Problemen der ärmeren Bevölkerung wenig. Inflation und Weltwirtschaftkrise trafen die Bevölkerung im Bereich Kreuzberg südlich der Hochbahnlinie hart. Die Zahl der Arbeitslosen stieg in den Jahren von 1928 bis 1932 um das Dreifache. Die Unterstützung, die ein Arbeitsloser erhielt, ermöglichte es ihm, sich davon „täglich ein halbes Brot, ein Pfund Kartoffeln, hundert Gramm Kohl, fünfzig Gramm Margarine und dreimal im Monat einen Hering zu leisten“ (2). Dass in diesem Gebiet bei Wahlen die KPD und SPD immer die Stimmenmehrheit hatten, versteht sich von selbst. Bei den kaum mehr als frei zu bezeichnenden letzten Wahlen im März 1933 erhielten diese beiden Parteien fast 50%. Auch die Nationalsozialisten hatten ihre festen Plätze, wie etwa die Kneipe „Hochburg“ in der Gneisenaustraße Ecke Solmsstraße. Sie war als Treffpunkt der SA sowie als Ausgangspunkt für viele ihrer Übergriffe berüchtigt.


Die Bombenangriffe des zweiten Weltkrieges hatte die Tempelhofer Vorstadt recht glimpflich überstanden, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass sie sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flughafen Tempelhof befand, den die Alliierten möglichst unzerstört später für sich selbst nutzen wollten. In Mitleidenschaft gezogen wurde das Gebiet östlich des Marheinekeplatzes. Die Markthalle wurde zerstört und die Passionskirche von einem Bombentreffer stark beschädigt.


Erst in den späten 50er Jahren ging es wieder aufwärts, wenn auch nicht in demselben Tempo wie in anderen Berliner Bezirken oder den Großstädten Westdeutschlands. Schon Ende der siebziger Jahre trat wieder eine Stagnation ein und die Wohnqualität rund um die Bergmannstraße ließ wegen ausbleibender Instandhaltungsarbeiten deutlich nach. Viele Häuser standen trotz des großen Wohnungsbedarfs leer. Spekulanten rechneten mit guten Gewinnen. Erst durch den Druck der Hausbesetzerszene Anfang der 80er Jahre und die Arbeit vieler politischer Gruppen und Initiativen wurde ein Sanierungskonzept durchgesetzt, das sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung vor Ort orientierte und teilweise bis heute weiterwirkt.