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Der Savignyplatz in Charlottenburg


Der Savignyplatz - benannt nach einem preußischen Finanzbeamten - ist ein grüner, kreisrunder Platz, durchschnitten von den zwei Fahrbahnen der Kantstraße: Eine Gartenanlage, die vom preußischen Architekten Erwin Barth 1926 angelegt worden ist – mit Holzbänken in laubenähnlichen Sitzecken und einem unter Denkmalschutz stehenden „Kiosk“ am westlichen Ende des Platzes, der früher eigentlich ein klassisches Café Achteck war, wie der Berliner sagt, ein Pissoir eben. Dort kann man heute Currywürste essen.


Der Savignyplatz hat sich niemals wirklich verändert, er blieb über viele historische Phasen einfach er selbst, ein quecksilbriger großstädtischer Ort, der sich scheinbar immer wieder neu im jeweils modernsten Kostüm der Zeit präsentierte.


Seine Geburtsstunde schlug in den Gründerjahren, der wirtschaftlichen Boom-Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts unter dem kulturellen Zepter von Jugendstil und Art Déco. In dieser Epoche entstanden die meisten Häuser hier. Und das sieht man ihnen auch an: Keine Mietskasernen wurden hier gebaut, sondern gutbürgerliche Gebäude, Stein für Stein gemauert, mit Marmor in den Treppenaufgängen, Zierrat aus Messing und Schmiedeeisen an den Portalen im künstlerischen Schwung ihrer Zeit.


Der Savignyplatz und seine Seitenstraßen waren vor dem Ersten Weltkrieg und noch lange Zeit danach ein elegantes bürgerliches Viertel, schicker als das Westend oder Zehlendorf. Auf dem Hof des Hauses Knesebeckstraße 20/21, das noch heute mit einem beeindruckenden Eingangsportal protzt, befand sich sogar ein Tennisplatz, der bis in die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs existierte. Einen Steinwurf von hier entfernt residierte der Dichter Gerhart Hauptmann. Hedwig Courths-Mahler, die mit ihren Kitschromanen Millionärin geworden war, wohnte in der Knesebeckstraße. Der Rechtsanwalt Karl Liebknecht hatte hier seine Kanzlei.


Krieg, Revolution, Weimarer Republik, Naziherrschaft, wieder Krieg, Demokratie, Studentenrevolte, der Savignyplatz wandelte und gewandete sich der Zeit gemäß und blieb sich dennoch treu. Und jede Menge Alkohol getrunken wurde hier in jeder Epoche.


In den Zwanziger Jahren zog es Poeten und Diseusen aus den nahen Kabarettbühnen - wie Friedrich Hollaenders „Tingeltangel in der Kantstraße“, wo heute die „Vaganten“ Theater spielen - zum Savignyplatz. Treffpunkt war in der heißesten Zeit Ende der Zwanziger, Anfang der Dreißiger Jahre ein Lokal, das der ehemalige Profiboxer Franz Diener in der Grolmanstraße eröffnet hatte.


Bei „Diener“ tranken Sportler und Künstler, Ganoven und Beamte, Nazis und Anarchisten in schöner Eintracht miteinander. Max Schmeling verkehrte hier. Der einstige Münchener Räte-Revolutionär Erich Mühsam, nunmehr Bühnenkritiker des „Berliner Tageblatts“ und Nachbar von Ernst Thälmann in der Kantstraße, diskutierte am Tresen mit Arnolt Bronnen, ein Jugendfreund Brechts und erfolgloser Nazi-Dramatiker. Der dadaistische Maler George Grosz, der gleich im Nachbarhaus neben der Kneipe wohnte, hielt hier Stammtisch mit seinem Freund Gottfried Benn, dem expressionistischen Lyriker, der seine Frauenarzt-Praxis am Kudamm betrieb und aus seiner Sympathie für die Nazis keinen Hehl machte. Ihre Freundschaft überdauerte übrigens Krieg und Nazizeit: Grosz musste ins Exil flüchten und wurde in Amerika Millionär; während Benn unter den Nazis erst Akademie-Präsident war und dann ab 1937 Schreibverbot bekam, weil er Goebbels ein „Großmaul“ genannt hatte. Grosz schickte dem verarmten Freund Care-Pakete aus den USA mit Kaffee, Schokolade und Zigaretten. Nach dem Krieg saßen beide wieder bei „Diener“.


Seit den Olympischen Spielen 1936 war es ruhiger geworden am Savignyplatz und auch bei „Diener“. Nur der treue Hans Albers trank hier einsam und alleine seinen Cognac, wenn er in Babelsberg bei der Ufa Filme drehte. In den fünfziger Jahren hielten das „Diener“ ,das heute aber leider nur noch als Schatten seiner selbst existiert, wie auch der gesamte Platz Winterschlaf und setzten Patina an.


Erst 1968 mit Apo und Studentenbewegung kam wieder Leben in die Bude. Und neue Schau- und Tummelplätze entstanden.


Die radikalen Studenten trafen sich nach der Demo in der „Dicken Wirtin“. Ihre Anwälte, unter ihnen ein späterer Bundesinnenminister sowie ein späterer Top-Terrorist und heutiger Obernazi, bevorzugten den Sieben-Sterne-Metaxa bei Kostas im „Terzo Mondo“ unter dem strengen Blick des vietnamesischen Revolutionärs Ho Chi Minh, dessen Porträt dort überlebensgroß an der Wand hing – immerhin bis zu seiner endgültigen Vergilbung während der Wende von 1989. Filmregisseure, Schauspieler, Journalisten und andere „Artisten“ tranken und trinken - heutzutage auch mit ihren Friseuren und ihren Schneidern - in der „Paris Bar“, während im „Zwiebelfisch“ die prächtige Malerin Natascha Ungeheuer Hof hielt. Das „Schwarze Café“ wurde in den Siebzigern zum Zentrum von Frauenpower. Alice Schwarzer fand hier allerdings selten einen freien Stuhl, ihre radikalen Kolleginnen von der Berliner Frauenzeitschrift „Courage“ hatten die Tische reserviert. Der umtriebige Jung-Verleger Klaus Wagenbach hetzte von Kneipe zu Kneipe: Überall traf er seine Autoren und Autorinnen: die später zu Lesungen in den Buchhändlerkeller kamen (damals Carmerstraße 10, heute Nummer 1). Dort, im Haus Nr. 10, macht seine dann irgendwann geschiedene Frau Katja in ihrem kleinen, aber sehr feinen Verlag „Friedenauer Presse“ wunderschöne Bücher.


Der Savignyplatz war das pulsierende Herz des eingemauerten Westberlins: Der Kudamm ist nur einen Steinwurf weit weg, Theater, Nobel-Restaurants, die umtriebige Bleibtreustraße, die Kantstraße mit Kinos und Musik-Clubs wie dem „Quasimodo“, die Universität der Künste und die TU befinden sich praktisch um die Ecke. Künstler und Anwälte, Studenten und Profs, Touristen und spätere Terroristen, Journalisten und Politiker, aber auch Finanzbeamte und Staatssekretäre – tout Berlin-West versammelte sich in den Kneipen rund um den Platz, wo traditionsgemäß eben viel „gesoffen“, aber auch unendlich gequatscht und geredet und diskutiert und geklatscht und getratscht wird.


Seit dem Mauerfall zog das jüngere Publikum in den Osten der Stadt. Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, das waren die angesagten Orte. Inzwischen sind viele wieder zurückgekehrt .Der Savignyplatz, das Herz des Berliner Westens, bekommt langsam wieder junges Blut in seine Kammern gepumpt. Wir hoffen auf neue, frische Projekte, die den Herzrhythmus beschleunigen ...