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Kontakt:


Ludwig Erhard Haus Berlin
Fasanenstraße 85
10 62 3 Berlin
Telefon: 030 / 31 51 02 36
Telefax: 030 / 31 51 01 22


Internet: www.leh-berlin.de
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Kontakt für Führungen: Herr Lunau


Öffnungszeiten:
Montags bis Freitags: 7.00 Uhr bis 20.30 Uhr
Samstags: 9.00 Uhr bis 14.00 Uhr
Öffnungszeiten Café:
Montags bis Freitags: 7.00 Uhr bis 19.00 Uhr
Sonntags ist das Haus geschlossen


Das Ludwig Erhard Haus, das „Gürteltier“


Das Ludwig Erhard Haus zählt zu den herausragendsten und ungewöhnlichsten Gebäuden der Stadt, erbaut nach einem Entwurf des britischen Stararchitekten Sir Nicholas Grimshaw. Die Bausumme betrug 305 Millionen DM. Das Gebäude beginnt hinter dem ehemaligen Sitz der IHK und reicht bis an die Terrassen des alten „Delphi Kinos“ an der Kantstraße. Diese wurden im Rahmen des Neubaus, zum Ausgleich für die Bebauung der früheren Freifläche, original im Stil der Zwanziger Jahre mit rekonstruiert.


Der Bauherr ist die IHK, Namensgeber Ludwig Erhard, der Begründer der sozialen Marktwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und Vater des deutschen Wirtschaftswunders. Es wurde 1998 fertiggestellt und ist das neue Kommunikations- und Servicezentrum der Berliner Wirtschaftscommunity. Neben der IHK sind der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller, der VBKI, die Wertpapierbörse und weitere Berliner Wirtschaftsunternehmen hier ansässig. Das unter Denkmalschutz stehende alte VBKI Vereins- und Börsenhaus von Paul Schwebes wurde für den Neubau abgerissen und nicht, wie ursprünglich geplant, in den Neubau integriert.


Sir Nicholas Grimshaws Name steht für futuristisch anmutende Architektur. Seine zahlreichen Projekte finden wir vor allem im gewerblichen Bereich. Fabriken, Hallen für Bahn- und Luftfahrt, Bürogebäude, aber auch Brücken, Museen oder das Projekt Eden, das größte Gewächshaus der Welt im südenglischen Cornwall, gehören dazu. Die Architekturwelt ist beeindruckt von Grimshaws innovativen Konstruktionen aus Glas und Stahl, sichtbare Funktionalität in organischer Formensprache mit Einbeziehung ökonomischer und ökologischer Gedanken. Seine Philosophie vermittelt er mit drei Worten: Structure – Space – Skin. Die Struktur, gerne den ökonomischen Baumustern der Tierwelt abgeschaut, sogenannte zoomorphe Strukturen, werden den menschlichen Bedürfnissen angeglichen. Der dadurch entstehende Raum soll das Gebäude lebendig und vital gestalten, die umschließende Oberfläche im Spiel zwischen Transparenz, Durchlässigkeit und Opazität (Lichtundurchlässigkeit) wirken.


Beginnen wir mit der Struktur: Als primäre Tragekonstruktion erheben sich 15 Stahlbögen über das Berliner Häusermeer. Unter Ausnutzung des unregelmäßigen Grundstücks sind sie unterschiedlich hoch, bis zu 39 Meter, und haben Spannweiten von 33 bis 61 Meter. Besonders in der Bauzeit lag die Assoziation zu einem Gerippe sehr nahe. Die Flächen zwischen den Trägern wurden mit Beton ausgesteift, nur die Verglasung von zwei haushohen Lichthöfen (Atrien) durchschneidet die feste Hülle. Durch die kürzeren Spannweiten der Träger Richtung Hardenbergstraße verjüngt sich hier die Gebäudeform. Aus der Luft gesehen hat man den Eindruck von einer riesigen, bauchigen, auf dem Boden liegenden Vase. Eine gerade Fassade, die an der Straßenseite von oben bis zum ersten Obergeschoss vor die Bögen gebaut werden musste, wirkt wie eine Fassung, welche die Vase hält. Trotz der Wand, die zur Straße die Bögen fast verdeckt, erinnert der Baukörper, durch die auf der gebogenen Fläche sich hervorhebenden Träger, an eine sich durch die Stadt schlängelnde Riesenraupe, ein Gliedertier, wie ein Wurm oder eben ein Gürteltier, ohne Kopf und Schwanz.


An dieser Stelle ein paar Informationen über Gürteltiere. Gürteltiere sind die einzig überlebende Säugetierfamilie der gepanzerten Nebengelenktiere, die vor 100 Millionen Jahren den südamerikanischen Kontinent bevölkerten. Sie verdanken ihren Namen dem Haut-Knochen-Panzer über dem Körper, der im Mittelteil durch mehrere Hautfalten unterbrochen ist, sodass gürtelartige Knochenringe entstehen. Das ruft den Vergleich mit den Stahlbögen unseres Gebäudes hervor. Der Sehsinn spielt bei den nachtaktiven Tieren übrigens eine untergeordnete Rolle, vermutlich können sie mit ihren kleinen Augen keine Farben erkennen. Mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn spüren sie Würmer im Boden auf und graben sie aus. Das bis zu einem Meter lange Riesengürteltier (ohne Schwanz) hat mit über fünfzehn Zentimetern langen Krallen die größten im ganzen Tierreich. Damit reißt es Termitenhügel auf und gräbt sich sogar durch Beton.


Wer sich auf dem öffentlichen Fußgängergehweg dem Ludwig Erhard Haus nähert, kommt nicht vorbei an den großen Füßen der Tragebögen. Wie riesige Gürteltiertatzen stehen sie in der Straßen- und auch Hoflandschaft. Die vier spitzen Aufkantungen der Verkleidung lassen die Form von Krallen entstehen. Es sollte wirklich jeder einmal die Bogenfüße ertasten, um die Dimensionen zu erahnen und auch um das zoomorphe Gestaltungselement der Krallen und Tatzen zu erleben. Die Seitenverkleidungen der letzten zum Boden freistehenden Meter der Stahlbögen sind mit Spannschlössern in Tasthöhe fixiert und werden im weiteren Fantasiespiel zu den Beinen des Gürteltiers.


Beim „Gürteltier“ ist es dann im allgemeinen Sprachgebrauch der Berliner geblieben. Präziser getroffen ist es mit dem Ausdruck des Architekturkritikers Falk Jaeger, dem „eingesperrten Gürteltier.“ Es ist schade, dass die Freifläche um das Gebäude sehr knapp ist und die extravagante Optik nicht richtig zur Geltung kommt. Atemberaubend schön in seiner geschwungenen Bogenpracht und traurig zugleich stapft es mit seinen Trägerfüßen in Tatzenform durch die enge Hinterhofidylle mit Müllcontainern und Tiefgaragenausfahrt. Dazu machte sich der damalige Senatsbaudirektor Stimmann einen unrühmlichen Namen mit seiner Forderung, den preußisch-hobrechtschen Bebauungsplan einzuhalten, indem er auf strikte Blockrandbebauung mit 22 Meter Traufhöhe bestand. So entstand die schon erwähnte gerade Fassade an der Straße. Das brachte dem Gebäude zwar zusätzlichen Büroraum zwischen den Bögen und der geraden Hausfassade, aber es sperrt den Körper des Gürteltiers noch mehr ein. Die Straßenansicht der Bogenform ist komplett verdeckt. Diese Tatsache erntet bis heute reichlich Kritik in der Architekturwelt und der Presse.


Wenden wir uns dem Raum zu. Als öffentliches Wirtschaftszentrum gedacht, gibt es neben den Büroräumen für etwa 800 Mitarbeiter viel Fläche für Veranstaltungen und Ausstellungen jeglicher Art. Man fühlt sich wie in einem kleinen funktionalen Universum für sich, doch als Besucher jederzeit willkommen. Betrachten wir das große Foyer, die sogenannte Fasanenpassage. Mit Zugang von den beiden Kopfseiten des Hauses läuft sie durch das gesamte Gebäude parallel zur Fasanenstraße, nur durch eine Glasfassade getrennt vom Bürgersteig. Sie versteht sich als interne Straße. Hier gibt es das Bistro „Tatou“ mit leckeren Angeboten zu moderaten Preisen. An zwei Servicecountern kann man sich über Veranstaltungen und hausinterne Angelegenheiten informieren.


Von der über die Passage schwingenden Galerie kommt man zu den Atrien. Ein Besuch lohnt sich. Hier präsentiert sich die futuristische Raumgestaltung in voller Pracht. Da das Erdgeschoss mit seinem Foyer stützenfrei gehalten ist und es keine Außenwände gibt, um die Geschossdecken aufzulegen, sind die acht Büroetagen an die Bögen mit Stahlhängern aufgehängt. So schweben die Bürogeschosse in der Bogenkonstruktion, flankiert von den beiden Atrien. Wie riesige Zangen halten sogenannte Greifer die Hängestangen der Deckenaufhängung an den einzelnen Etagen fest und bestimmen die Optik der Atrien. Genauso sind auch die beiden Frontseiten des Hauses gestaltet. In der Mitte des großen Kant-Atriums erheben sich im Grundriss eines Ovals Fensterscheiben aus dem Steinfußboden, gedeckelt mit einer flachen Metallmütze. Diese Fensterschau, die an eine Schiffskommandobrücke erinnert, war dazu gedacht, Einblick in das darunter liegende Börsenparkett zu bekommen. Heute im elektronischen Zeitalter handeln die Marktteilnehmer von ihren Niederlassungen aus und der Börsensaal ist seit 2006 nicht mehr in Nutzung. So schauen wir stattdessen in den Wartebereich einer Arztpraxis, die sich in den Räumlichkeiten eingemietet hat.


An der inneren Kopfseite beider Atrien gleiten drei Fahrstühle mit leisem Surren auf den sichtbaren Führungsschienen, die Aufzugsseile auf gelben Rollen, als Panoramaaufzüge ihre neun Etagen hinauf und hinunter. Ihr futuristisches Design wird verglichen mit einem Integralhelm oder einer Kapsel. Die einzelnen Bleche der Aluminiumverkleidung wurden von einem englischen Hersteller für Oldtimer-Karosserien in einem Spezialverfahren hergestellt. Um die Oldtimer-Optik zu unterstreichen, wurden die einzelnen Bleche mit Senkkopfnieten auf einem Trägergerüst befestigt. Das Panoramafenster, aus dem man die großartige Aussicht genießen kann, hat einen Biegeradius von über 180 Grad um die Kapselform herum. Im Innenraum sind die Fahrkörbe vollständig mit hellem Ahornholz ausgekleidet und wirken sehr edel. Die Knöpfe für die Etagenziele sind taktil, eine Sprachausgabe gibt es nicht. Die Aufzugshaltestellen befinden sich an gläsernen Brücken, welche die Büroetagen miteinander verbinden, und ab und zu kann man das Klappern der Schritte auf dem Glasboden hören.


Ökologisch und ökonomisch gesehen dienen die Atrien als Klimapuffer. Die haushohen Verglasungen dienen der natürlichen Innenbelichtung und Belüftung der Büros. Sie sind mit einem Sonnenlenksystem eingerichtet, welches das Sonnenlicht einfängt und in die Büros leitet. Das ermöglicht den Effekt, dass auch innenliegende Büros weitgehend auf Kunstlicht und Klimaanlage verzichten können und als Außenbüros verstanden werden. Meist weht einem die Frischluft um die Nase, die durch elektronisch gesteuerte Fensterklappen das Gebäude belüftet. Die Atrien bleiben selbst bei –15 Grad Kälte im Winter nahezu frostfrei. Durch die gerundete Gebäudeform wird der Energiebedarf zusätzlich gering gehalten. Durch die Summe der Faktoren werden im Ludwig Erhard Haus, gemessen an einem konventionellen Haus, Heizkosten bis zu 30 Prozent, Kühlenergie bis zu 25 Prozent und Elektroenergie bis zu 80 Prozent eingespart.


Natürlich dürfen geschlossene Veranstaltungs- und Konferenzräume nicht fehlen, welche sich im Untergeschoss befinden, erschlossen durch ein weiteres kleines Foyer. Der größere Saal für 450 Teilnehmer ist mit Dolmetscherkabinen ausgestattet. Wir kommen zum letzten Punkt der Philosophie Grimshaws: der Oberfläche. Die opake Hülle dieses lebendigen Wirtschaftshauses besteht aus der matt schimmernden Stahlblechverkleidung der Tragebögen und der Zwischenräume. Transparenz wird durch die Verglasungen der Fasanenpassage, der einsehbaren Büros in den Atrien und der Atriumverglasung selbst erreicht. Das Gefühl der Durchlässigkeit und Weite durch die Aussicht über Berlins Dächer kann jeder Besucher und Mitarbeiter erleben.


Es empfiehlt sich, das Haus als Blinder oder Sehbehinderter nicht alleine zu besuchen, da es schwer ist, sich in seiner Größe gut zu orientieren. Die Aufzüge im Foyer liegen etwas versteckt unter der Galerie hinter den Servicecountern. Die öffentlichen Toiletten findet man rechts neben dem Café.


Wie der vom Volke Lilliput festverschnürte Herr Gulliver steht das Ludwig Erhard Haus, eingepfercht im Häusermeer, seine schönste Ansicht auf dem Hinterhof, plattgedrückt durch die Glasfassade an der Straßenfront, hochfunktional, ein ökonomisch ausgefeilter Organismus. Hightech-Ausstattung, Informationsleitsysteme, Überwachungssysteme für Klima und Energieverbrauch mit angeschlossener Wetterstation, alles im Dienste der vielen Menschen die hier arbeiten. Das Ludwig Erhard Haus als Arbeits- und Begegnungsstätte für Unternehmer im bewegten Berliner Wirtschaftsleben.