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Der Klausenerplatz-Kiez


Das war einmal das rote Charlottenburg – heutzutage ist es viel bunter rund um den Klausenerplatz, im Kiez von der Seeling-, Danckelmann-, Nehring-, Christ- oder Knobelsdorffstraße bis zum Kaiserdamm. Auf dem Klausenerplatz, wo einst die Kavallerie des “Soldatenkönigs” ihren Reitplatz hatte, spielte sich das Leben der Arbeiter und Müßiggänger, der armen Leute der reichen Reichsstadt Charlottenburg, ab.


Das Gebiet rund um den Klausenerplatz war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Arbeiterviertel innerhalb des ansonsten eher gutbürgerlichen Charlottenburg. Mit der Industrialisierung entstanden westlich der Schlossstrasse, der zentralen Achse der einstigen barocken Altstadt, typische Berliner Mietshäuser, oft mit zwei oder drei Hinterhöfen. Vorne wohnten Handwerker, Facharbeiter und Angestellte. Hinten in den Gartenhäusern residierte das Proletariat, Familien mit oft vier, fünf Kindern in “Stube und Küche”, auf engstem Raum. Auf dem dritten oder vierten Hinterhof waren meist Remisen untergebracht, in denen Tischler oder Schmiede ihre Werkstätten hatten.


Der Maler, Zeichner und Fotograf Heinrich Zille lebte mitten unter diesen Menschen in der Sophie-Charlotte-Straße. Er hat sie und ihren Alltag in Hunderten von Bildern dargestellt: die Kohlenträger im Treppenhaus, Klatsch und Tratsch auf dem Trottoir, die Säufer und Huren in den Kneipen, die kleinen Kinder, die auf dem Hinterhof spielten oder sich unter der „Plumpe“ auf der Straße duschten. Zille hat das proletarische Charlottenburg mit all seinen fröhlichen und tragischen Seiten dokumentiert.


Zum Ende der Weimarer Republik standen oftmals Barrikaden in der Seeling- und in der Danckelmannstraße: Der Kiez war eine Hochburg der KPD geworden. Die meist arbeitslosen Kommunisten, deren Betriebszellen sich aufgelöst hatten, organisierten sich im Stadtteil. Die Polizei bekam hier keinen Fuß in die Tür. So wie der Ordnungsmacht des Staates erging es in den dreißiger Jahren auch den Nazis: Die Sturmtruppen der SA holten sich blutige Köpfe, wenn sie versuchten, ins rote Charlottenburg einzudringen. Ein SA-Mann wurde sogar erschossen, ein junger Kommunist von SA-Männern erschlagen, einige Dutzend Arbeiter aus dem Kiez wurden angeklagt, einige zum Tode verurteilt. Jan Petersen, der 1934 ins Exil flüchtete, hat diesen Kampf sehr lebhaft in seinem Roman “Unsere Straße” beschrieben.


Erst 1936/ 37, als Stalins Befehle den deutschen Arbeitern jeglichen militanten Widerstand gegen Hitler verboten (in Erwartung des Hitler-Stalin-Paktes), brach auch der Widerstand im Kiez weitgehend zusammen. Nur einige Unentwegte machten weiter - unter Führung eines Kohlenhändlers, der seinen Laden in der Seelingstraße hatte. Sie versteckten nicht nur eigene Genossen, sondern auch Deserteure und verfolgte Juden, besorgten ihnen gefälschte Papiere, Geld, Lebensmittelmarken. Die meisten von ihnen, auch der Kohlenhändler selbst, wurden nie von der Gestapo erwischt und überlebten die Nazizeit unversehrt. Unter dem Dach einer freistehenden Brandmauer an der Seelingstraße prangte noch bis in die achtziger Jahre weithin sichtbar in riesigen roten Lettern „Rotfront“. Ein einbeiniger Kriegsversehrter hatte sich halsbrecherischerweise vom Dach abgeseilt und die Schrift, mit Farbtopf und Pinsel balancierend, dort in unerreichbarer Höhe angebracht: Die Nazis haben es nicht geschafft, die Buchstaben zu übertünchen. Keiner traute sich, da hinaufzuklettern.


Im Mai 1945 etablierte die Rote Armee ihre Charlottenburger Kommandantur in der Knobelsdorffstraße 42. Hier kam es auch bald zu den ersten Konflikten. Sowjetische Soldaten hatten im Juni 1945 eine der drei Kühe aus dem Kuhstall in der Danckelmannstraße (heute als Ziegenhof eine Attraktion für die Kinder) geschlachtet und gebraten. Eine Delegation der Bewohner protestierte dagegen: Die Kühe lieferten Milch für die Kleinkinder in Kiez. Der Kommandant hatte ein Einsehen. Künftig stand der Kuhstall unter Schutz und Bewachung der sowjetischen Besatzungsmacht.


Der Bombenkrieg hatte den Kiez weitgehend unzerstört gelassen. Der Häuserbestand samt Hinter- und Hinterhinterhöfen war noch fast komplett vorhanden. Erst in den siebziger Jahren drohte seine Zerstörung: Das Gebiet um den Klausenerplatz war zum offiziellen Sanierungsgebiet erklärt worden. Der gewerkschaftseigene Wohnungsbau-Konzern Neue Heimat hatte die Federführung übernommen. Er kaufte fast den gesamten privaten Grundbesitz auf, entmietete die Häuser, um sie abzureißen und neu zu bauen, Hinterhöfe zu entkernen. Bis zu 70 Prozent der Bewohner sollten aus dem Kiez umgesiedelt werden, besser verdienende Facharbeiter mit ihren Kindern sollten hier in „Licht, Luft und Sonne“ leben (Werbung der Neuen Heimat). Doch das sozialdemokratisch inspirierte Sanierungskonzept scheiterte: Die Bewohner ließen es sich nicht gefallen. Die Mieterinitiative Klausenerplatz organisierte Diskussionen und Aktionen bis zum Mietboykott. Dann kamen die Hausbesetzer Anfang der achtziger Jahre (sieben besetzte Häuser im Kiez, drei davon am Ende legalisiert) und wurden von den Bewohnern mehr oder weniger herzlich begrüßt. Das war der Gnadenschuss für die Neue Heimat: Misswirtschaft, Fehlplanungen und Korruption taten ein Übriges. Das Wohnungsbauunternehmen war bankrott.


Seither war und ist das Gebiet um den Klausenerplatz, ähnlich wie Kreuzberg SO 36, ein Musterbeispiel für behutsame Stadterneuerung: Die Bewohner bleiben, die Mieten steigen nur moderat. Der Chic hält sich in Grenzen, die Armut auch. Die neuen Bewohner im Kiez kommen inzwischen aus aller Herren Länder und verstehen sich in der Regel prächtig mit den „Ureinwohnern“: Türkische Unternehmer eröffnen Eiscafés und französische Restaurants. Im Übrigen boomt hier „Öko“ jeder Art. Die Vielfalt kleiner Geschäfte belebt den Kiez. Nebeneinander bestehen Alteingesessene wie Reitstiefel-Ebert und Neugründungen wie die Schmuckwerkstatt in der Nehringstraße. Kulinarische Besonderheiten haben sich im Kiez angesiedelt wie zum Beispiel die bayrische Bier-Oase Weiß-Blau in der Knobelsdorffstraße. Und in den Kneipen von der Kastanie (mit ihrem sonnigen Biergarten in der Schlossstrasse) bis zum Dicken Wirt in der Danckelmannstraße geht es weiterhin lebhaft zu, wie zu Zilles Zeiten.