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Der Richard-Wagner-Platz: Der Kern Charlottenburgs


Eine Altstadt stellt man sich anders vor: verwinkelte Gassen, pittoreske Fachwerkhäuser, holpriges Straßenpflaster. So sieht es im Kern des alten Charlottenburg aber nicht aus: gerade, ziemlich breite Straßen und Fußgängerwege, rechtwinklige Kreuzungsecken, ein buntes, vielfältiges architektonisches Bilderbuch aus 300 Jahren Baugeschichte vom barocken Bürgerhaus über typische Berliner Mietshäuser des 19.Jahrhunderts bis hin zu modernen Stahl- und Glaskonstruktionen.


Tatsächlich ist das Gebiet zwischen Richard-Wagner-Platz und Zillestraße, Richard-Wagner-Straße und Gierkezeile der Kern der 1705 gegründeten Stadt Charlottenburg. Genauer gesagt handelt es sich um die östliche Hälfte der Altstadt, die durch die quer verlaufende Schustehrusstraße mit der westlichen Hälfte um die Schlossstrasse verbunden ist. Erhalten aus den Gründertagen der barocken Altstadt ist heute nur noch das schachbrettartige Straßenraster (mit einem kreisrunden Kirchplatz in der Mitte beider Stadthälften) und das Bürgerhaus an der Schustehrusstraße 13.


Alles begann wie im Märchen: Es war einmal ein kleiner brandenburgischer Kurfürst, klein von Wuchs und klein an Einfluss im Deutschen Reich, der wollte unbedingt König werden. Aber der Kaiser wollte das nicht, also krönte sich der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. selbst zum König und nannte sich fortan Friedrich I., König in Preußen. Das tat er 1701 in Königsberg: Dort hatte der Kaiser keine Befugnis, denn Ostpreußen lag zu dieser Zeit außerhalb des Deutschen Reichs. Nun brauchte der frisch gebackene König natürlich auch einen angemessenen Amtssitz, denn in seinem Schloss in Berlin war Friedrich bloß ein Kurfürst. Also ließ er das kleine Lustschlösschen Lietzenburg zu einem repräsentativen königlichen Schloss ausbauen. Sein Baumeister, Eosander von Göthe, plante dazu auch gleich eine kleine Residenzstadt: Charlottenburg, benannt nach der jung verstorbenen Königin Sophie Charlotte. 1705 war die Stadt aus dem sumpfigen Boden gewachsen, der König selbst ihr erster Bürgermeister.


Eosander verwirklichte beim Bau Charlottenburgs ein sehr modernes Stadtplanungskonzept, das im 19.Jahrhundert beim Arbeitersiedlungsbau (zum Beispiel Zechensiedlungen im Ruhrgebiet) als Vorbild diente. Er entwarf ein Musterhaus, das für die gesamte Stadtanlage einheitlich vorgeschrieben war: ein schlichter, eingeschossiger Lehmbau mit Ziegeldach. In der Weststadt um die Schlossstrasse waren die Häuser etwas größer (dort wohnten die Gardeoffiziere und die unmittelbaren Hofbediensteten), in der Oststadt waren sie etwas kleiner. Dort siedelten sich Handwerker an. Hinter den Häusern war jeweils ein kleiner Garten angelegt, der der Selbstversorgung der Bewohner mit Gemüse und Kräutern dienen sollte.


Das letzte erhaltene Altstadt-Musterhaus steht in der Schustehrusstraße 13. Der Goldschmied Gottfried Berger hatte das Gebäude 1712 errichten lassen. Innerhalb von 300 Jahren wurde es zwar mehrfach umgestaltet, blieb aber in seiner Grundsubstanz erhalten – bis Immobilienspekulanten in die Altstadt einmarschierten. Am Vormittag des Heiligen Abend 1983 rückten zwei Bagger an und demolierten das historische Gebäude schwer. Wachsame Anwohner, die sofort die Polizei alarmierten, retteten das kleine Haus.


Dieser illegale Abrissversuch war der Wendepunkt eines Krimis, der damit begann, dass dubiose Kapitalgesellschaften systematisch Grundstücke im Altstadtbereich aufkauften. Ihr Ziel: Abriss und Neubau von sechs- bis achtgeschossigen Gebäuden. Mit oft illegalen Methoden verfolgten diese Immobilienhaie ihre Geschäfts- und Profitpläne: Bewohner und Hauseigentümer wurden unter Druck gesetzt, Behörden bestochen, Schlägertrupps demolierten Wohnungen, ein Haus brannte sogar ab, Mitglieder der Altstadt-Bürgerinitiativen wurden von schwarzen BMW-Limousinen verfolgt (und dabei des öfteren fast überfahren). Betrug, Bestechung, Brandstiftung, sogar vor Mord und Totschlag schreckten die Immobilienhaie nicht zurück. „Wir sind so ziemlich auf alles gestoßen, was das Strafgesetzbuch hergibt – außer der Vorbereitung eines Angriffskrieges“, erklärte der Vizechef einer Sonderkommission der Berliner Kriminalpolizei 1985.


Der Krimi endete mit der Verhaftung von zwei Dutzend Hintermännern und Komplizen aus der Spekulanten-Szene, unter ihnen der damalige Charlottenburger Baustadtrat Wolfgang Antes, der eine halbe Million D-Mark an Bestechungsgeldern kassiert hatte und dafür schlussendlich zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Einer der obersten Drahtzieher dieser Mafia, der „ägyptische Doktor“ Christoph Schmidt-Salzmann (er hatte sich einen Doktortitel der Philosophie in Kairo gekauft), gilt bis heute als verschollen. Einige seiner Komplizen starben eines plötzlichen Herztodes. Die GmbH & Co-Kapitalgesellschaften starben ebenfalls – und zwar den Pleitetod. Ihr Grundbesitz wurde – ein einmaliger Vorgang in der Berliner Nachkriegsgeschichte - auf Antrag der CDU enteignet. Einige Häuser der Altstadt kamen rasch unter Denkmalschutz, das ganze Gebiet wurde zum geschützten Baubereich erklärt. Immobilienhaie machten fortan einen großen Bogen um die Charlottenburger Altstadt.


Das ist vor allem das Verdienst der Altstadt-Bewohner, die sich stark mit ihrem Viertel identifizieren, sehr gut über die historischen Wurzeln ihrer kleinen Stadt Bescheid wissen und sich nichts gefallen lassen. Das war schon immer so. Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, hatte sich einst über die Aufmüpfigkeit der Charlottenburger beklagt und meinte damit wohl das Selbstbewusstsein der Handwerker und Geschäftsleute, die sich von keiner Obrigkeit drangsalieren ließen.


Das war auch während der Nazi-Diktatur nicht anders: In den Backstuben und Fischräuchereien der Altstadt wurden verfolgte jüdische Mitbürger versteckt. Das Netzwerk von Familienbetrieben hielt zusammen.


Als der Berliner Magistrat, die damalige Stadtregierung, 1947 nicht nur den Abriss des Schlosses plante, sondern auch die Stadtkirche auf dem heutigen Gierkeplatz, abreißen lassen wollte, wurden alle Kräfte mobilisiert. Die Luisenkirche ist zwar kein Bau aus den Gründertagen Charlottenburgs - Hofbaumeister Schinkel hatte sie 1826 zu Ehren der verstorbenen Königin Luise errichtet, nachdem die erste Stadtkirche, ein Holzbau, im sumpfigen Untergrund versunken war. Dennoch war und ist die Stadtkirche für die Bürger ein Symbol ihres Viertels.


Der Polizeioffizier Gustav Jost organisierte damals die Rettungsaktion. Er war Mitglied im Gemeindekirchenrat und während der Nazizeit Polizeikommandant am heutigen Klausenerplatz. Der Polizist besuchte den kommunistischen Kohlenhändler in der Seelingstraße, den er aus dem Widerstand gegen die Nazis gut kannte, und erzählte ihm von seinem „Kirchenproblem“. Und so kam es, dass eine ganze Brigade kommunistischer Maurer und Zimmerleute anrückte, um den im Krieg fast völlig zerstörten Turm der Luisenkirche wieder aufzurichten. Später wurde auch das Kirchengebäude rekonstruiert. Zur Wiedereinweihung im noch offenen Kirchenschiff kamen 1951 Tausende Charlottenburger. Die finanziellen Mittel für den Wiederaufbau hatten Bürger privat gestiftet, vor allem die Familienbetriebe der Altstadt. Nicht eine einzige Mark an öffentlichen Geldern kam vom Berliner Magistrat.


Die Altstadt war aber nicht nur ein Hort des Widerstands, sondern immer auch ein fröhlicher Kiez. Hier wurden und werden gern Feste gefeiert - in den zahlreichen Kneipen des Viertels, aber am liebsten auf der Straße. Die Straßenfeste der Stadtteilzeitung „Der Schlorrendorfer“ in den 1980er Jahren auf der Richard-Wagner-Straße sind Legende. Das „Berliner Rhythm’n Blues Festival“, das jedes Jahr im September auf der Haubachstraße stattfindet und von Bernd Girulatis, dem Wirt der Kneipe „Liliput“ organisiert wird, ist inzwischen Tradition.


Schon in den Goldenen Zwanzigern tobte in der Altstadt das wilde Leben: In der „Lützower Lampe“ (in der heutigen Behaimstraße) traf sich die mondäne und morbide „Halbwelt“ aus den Kabaretts und Cabarets ganz Berlins. Zwischen Mengen an Tüll und Taft, Samt und Seide konnte man nicht immer ganz genau unterscheiden, wer nun Männlein oder Weiblein war. „Da ist Herr Meier, heut im Rock / aus dem Rathaus im 14.Stock“, reimte die legendäre „Karmeen“ (bürgerlich: Fred Thomé). Sie versuchte, den Geist der Zwanziger neu zu beschwören und eröffnete die „Lützower Lampe“ 1967 an alter Stelle wieder. Bald war die kleine Bar ein beliebter Treff für die damals noch ein wenig verschämte Berliner Schwulen-, Lesben- und Transvestiten-Szene. Nur die Mutigsten kamen im Fummel. Stammgäste wie Mona Loren oder Dolly van Doll gaben zu später (oder früher) Stunde selbstgedichtete Couplets zum Besten. Jeden Abend erschien der uralte „Straps-Harry“, immer im Fummel mit Netzstrümpfen und Federboa, zuletzt sogar im Rollstuhl in der Bar. Jetzt steht der Laden in der Behaimstraße leer, nur der Schriftzug „Lützower Lampe“ ist noch an der Scheibe zu lesen. Das Lokal, heute eine Chanson- und Kleinkunstbühne, zog in die Witzlebenstraße um.


Und heute? Das alte Charlottenburg ist ein modernes, lebendiges Stadtviertel geworden. Und so vielgestaltig wie die Architektur ist auch die Bewohnerschaft. Längst haben Einwanderer aus der Türkei, aus Indien, Griechenland oder Ex-Jugoslawien hier eine Heimat gefunden und sich mit ihren Geschäften etabliert und eigene Traditionen begründet. Der arabische Besitzer des alten Münz-Waschsalons in der Wilmersdorfer Straße hat daraus ein Internet-Café gemacht, aber die Waschautomaten weiter in Betrieb gelassen, so dass seine Kunden hier im Netz surfen können, während die Wäsche sauber wird. In der „Kibar“ an der Wilmersdorfer Straße (Link) oder im „Himalaya“ an der Thrasoltstraße (Link) kann jeder studieren, wie gut das Zusammenleben von Ureinwohnern und Zuwanderern klappt.


In den alteingesessenen Familienunternehmen hat längst eine neue Generation das Sagen, die aber bemüht ist, alte Traditionen zu bewahren. So existiert nach wie vor eine Vielzahl kleiner Geschäfte mit mannigfaltigen Angeboten: Bäckereien, Gemüseläden, Kräuter, Lebensmittel (natürlich auch ökologisch), Kosmetik, Schmuck, Uhren, Feinkost, Spielwaren, eine Kunstschmiede, jede Menge Cafés, Kneipen und Gaststätten (historisch und modern), in denen man sich abends zum Bier oder zum Tee trifft, um den neuesten Kiez-Klatsch oder die Probleme der Welt zu erörtern.


Auch für Kultur ist gesorgt: Es gibt zwei Theater (ein Puppentheater am Gierkeplatz und das „Café Theater Schalotte“ an der Behaimstraße), eine Buchhandlung, einen Literaturladen (in dem man das Schreiben lernen kann). Sogar ein Bordell ist seit Jahrzehnten Teil der Nachbarschaft: Es ist altstadttypisch in einer kleinen Remise im Hinterhof eines Hauses an der Haubachstraße gelegen. Auch dies ist ein Teil der Kiezkultur: Die Damen aus dem kleinen „Chateau“ haben sogar schon mal als „Mädchenchor“ auf Stadtteilfesten gesungen.


Der wichtigste Treffpunkt im Kiez aber ist Rogacki an der Wilmersdorfer, die ehemalige Fischräucherei, die sich zu einem Feinkostladen mit einem erlesenen Angebot an Fisch, Fleisch, Wurst und hausgemachten Salaten gemausert hat. Hier steht ganz Berlin nach frischem Fisch Schlange. Da trifft der Arbeitslose, der sich ein preiswertes Rotbarsch-Filet kauft, schon mal den DGB-Vorsitzenden Michael Sommer, der sich eine fangfrische Seezunge leistet. Krabbencremesüppchen mit Schampus und Bratfisch mit Kartoffelsalat - Rogackis Mischung, das ist auch der typische Charlottenburger Altstadt-Mix: Fein und robust, lokalpatriotisch und weltoffen.